Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

B agger beißen sich durch die Erde, Kräne recken sich in den Himmel und den Beton aus dem Fahrmischer gibt es im James-Bond-Style: ge- rührt, nicht geschüttelt. In ein paar Monaten sollen hier im Freiburger Westen die ersten von 1600 neuenWoh- nungen entstehen – die dringend benötigt werden. Der Bedarf ist riesig, die Nachfrage ungebrochen. Doch das geschäftige Bild auf einzelnen Baustellen kann nicht darüber hinwegtäuschen: Obwohl vielerorts im Land Wohnraum knapp ist, wird immer weniger gebaut und die Flaute in der Bau- und Immobilienbranche hält an. Das Ifo-Institut sagt für das laufende Jahr nur 205000 neue Wohnungen voraus, 45000 weniger als 2024. Prognose für 2026: 185000Wohnungen, sowenigewie seit 17 Jahren nicht mehr. Eine Analyse des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) verdeutlicht das Ausmaß ebenfalls: Zwischen Ende 2022 und Mitte 2025 ist die Zahl der Wohnungsbaustarts um 85 Pro- zent zurückgegangen. Und der Negativtrend hält an: Seit Jahresbeginn beträgt das Minus in kleineren Städ- ten rund zehn Prozent, in Großstädten sind es sechs Prozent. Ifo-Experte Ludwig Dorffmeister: „Die Situation am Wohnungsmarkt wird sich auf mittlere Sicht nicht ändern. Die Lage wird mindestens bis 2030 sehr an- gespannt bleiben.“ Warum Bauen immer teurer wird Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig, doch im Zentrum stehen die Baukosten. Sie sind in den ver- gangenen Jahren förmlich explodiert – und zwar in al- len Bereichen. Materialien wie Beton, Stahl, Holz oder Dämmstoffe haben sich massiv verteuert. Die Perso- nalkosten im Bauhandwerk sind gestiegen und die rechtlichen Rahmenbedingungen immer schwerer zu erfüllen. Seit 2010 verteuerten sich Rohbauarbeiten im Schnitt um 77,1 Prozent, Ausbauarbeiten um 88,3 Pro- zent. Die Preise für Bauland legten um 179,9 Prozent zu. Zum Vergleich: Die allgemeine Inflationsrate be- trug im selben Zeitraum nur 35,4 Prozent. Und all das summiert sich: Die Baukosten für einen Quadratmeter Wohnraum hätten sich in den vergangenen 25 Jahren ums Zweieinhalbfache erhöht, heißt es in einer Studie der Kieler Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen. Allein zwischen 2020 und 2023 kletterten die Kosten um 48 Prozent. Und die Entwicklung hält an: Im vierten Quartal 2024 lagen die durchschnittlichen Baukosten bei 4473 Euro pro Quadratmeter – ein erneutes Plus von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wer heute Wohnraum schaffen will, muss also deut- lich tiefer in die Tasche greifen. Ein Grund dafür: immer neue Anforderungen. Energieeffizienz, Schallschutz, Barrierefreiheit, Stellplatznachweise – alles sinnvolle Standards, die jedoch Projekte spürbar verteuern. Für viele Investoren rechnet sich das schlicht nicht mehr, denn wer Baukosten von fast 4500 Euro je Quadrat- meter über Mietewieder reinholen will, kommt auf Kalt­ mieten von mehr als 20 Euro je Quadratmeter. Auch die Finanzierungskosten erschweren die Lage. Seit der Zinswende sind Darlehen erheblich teurer geworden. Für private Bauherren wie für Investoren eine spürbar höhere Belastung. Viele Projekte gerie- ten durch die gestiegenen Zinsen ins Wanken. Und als wäre das nicht genug, bremst auch noch die Büro- kratie. Wer in Deutschland bauen will, braucht Geduld. Genehmigungsverfahren ziehen sich, Nachforderun- gen sind an der Tagesordnung, rechtliche Vorgaben ändern sich in kurzen Abständen. Diese Planungsun- sicherheit schreckt Bauherren ab – kleine wie große. Impulse für den Ausweg Höchste Zeit also, gegenzusteuern und sich auf die eigenen Stärken besinnen – „auf Zuversicht und Schaf- fenskraft, Optimismus und Verständnis“, führt Tobias Sennrich von Sennrich und Schneider Architekten in Breisach auf. Denn Lösungen lägen längst auf dem Tisch, und deshalb machen Branchenvertreter Druck. So fordert der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (VBW): „Bau- en muss dringend wieder einfacher werden – durch weniger Baustandards, weniger Gutachtenpflichten, durch einfachere und schnellere Bauverfahren.“ In dieselbe Richtung argumentiert Ulrich Moosmann, Geschäftsführer der Offenburger Bauunternehmung Wackerbau: „Der erste Schritt muss ganz klar aus der Politik und der Gesellschaft kommen!“ Konkret gehe es um die Entschlackung der Bauordnung – weniger Vor- „Viele Kommunen sind froh, wenn Bauherren Lückengrundstücke übernehmen.“ Gabriele Renz, Architektenkammer Foto: Wackerbau/Jigal Fichtner Große Baustelle Wie kann Bauen billiger werden? Diese Frage wird in der Branche heiß diskutiert, um neue Investitionen möglich zu machen… Wirtschaft im Südwesten 10/2025 53

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