Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

M ehr als 30 Standorte zwischen Schwarzwald, Schwäbischer Alb und Bodensee. Rund 2700 Mitarbeitende, die täglich mehr als 6300 Kinder, Jugendliche und deren Familien, Men- schen mit Behinderung sowie ältere, pflegebedürftige Menschen begleiten. Die Stiftung St. Franziskus mit Sitz in Heiligenbronn zählt zu den großen Trägern der So- zialwirtschaft im Südwesten. Im Interview spricht Vor- stand Stefan Guhl über Werte, die das Handeln leiten. Über eine moderne Arbeits- und Führungskultur – und über den inneren Kompass, an dem er sich persönlich orientiert. Herr Guhl, „Arbeiten für und mit Menschen“. Das ist ein Leitsatz der Stiftung St. Franziskus. Was bedeutet das konkret? Für uns heißt das: Jeder Mensch besitzt Würde, unab- hängig von Herkunft, Fähigkeiten oder Situation. Die- ses Bild prägt unser Handeln. Jeder wird als einzigartig wahr- und angenommen. Sie haben das Leitbild der Stiftung neu formuliert. Warum? Das altewar inhaltlich nicht falsch, aber zu groß, zu abs- trakt, sprachlich nicht mehr zeitgemäß. Wir wollten es „verheutigen“. Also haben wir geprüft: Passt das christ- liche Menschenbild noch? Arbeiten unsere Teams auf derselben Basis? Am Ende stand fest: Ja, es ist die Grundlage, die zu uns passt. Sie sind Vorstand für mehr als 2700 Mitarbeiter. WelcheWerte leiten Sie im Alltag? Vertrauen ist ein Schlüsselwert. Vertrauen auf das Mit- einander, aber auch auf die eigene Kraft. Wir ermutigen, Neues auszuprobieren, Fehler als Lernschritt zu sehen. Ebenso wichtig sind Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Fürsorge füreinander. Wer Verantwortung trägt, muss auf sich selbst achten. Denn nur dann kann er andere stärken. Ihre Arbeitskultur gilt als besonders. Was steckt dahinter? Wir haben gemeinsammit Mitarbeitern aus allen Berei- chen und Ebenen fünf Kulturwegweiser entwickelt. Ein Beispiel: „Vertrauen in die Fachlichkeit des anderen“. Das heißt, Verantwortung dort zu lassen, wo Kompe- tenz ist. Früher wurde viel übereinander gesprochen. Heute holen wir dieMenschen an einen Tisch, die man wirklich für eine Lösung braucht. Menschen, die die Antwort kennen. Unabhängig von Hierarchie, da muss dann auch die Führungskultur darauf abgestimmt sein, sonst funktioniert es nicht. Das klingt nach einem tiefgreifenden Wandel. War das einfach? Nein. Solche Veränderungen brauchen Zeit und Mut. Es gab und gibt Widerstände. Wichtig war: Wir haben unsere neue Kultur nicht von außen verordnet. Ich wer- de immer wieder gefragt, ob McKinsey hier war. Aber nein, die waren es nicht. Wir haben alles selber von in- nen heraus entwickelt. Dadurch entstand Akzeptanz. Aber wir sind noch dran am Thema und es ist noch nicht überall akzeptiert. Definitiv nicht. Was war der Auslöser für diesen Prozess? Ein Generationenwechsel. Junge Mitarbeiter wollen nicht mehr im alten, hierarchischen Stil arbeiten und geführt werden. Und wir spüren den Fachkräfteman- gel. Um attraktiv und agil zu bleiben und somit den kommenden Herausforderungen gerecht zu werden, brauchten wir eine neue Kultur. Und Ihr persönlicher innerer Kompass? In jeder Situation frage ich mich: Was bewahrt dieWür- de des Einzelnen? Achtsamkeit hilft, innezuhalten. Selbstreflexion zeigt mir, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin. Ich sehe mich als Teil eines Ganzen. Führung ist nie nur Chefsache, sondern Teamarbeit. Wo sehen Sie die Stiftung in fünf oder zehn Jahren? Mein Wunsch ist, dass wir eine offene Stiftung sind, in der man gerne arbeiten möchte, die die Probleme lösen kann, die uns gestellt werden und die ein gerne gesehener Kooperationspartner für Politik und Kom- munen ist. Da würde ich uns sehen, auch mit unserer jetzigen Entwicklung. Wichtig ist auch, dass unsere Klienten sich wohlfühlen, dass sie teilhaben am ge- sellschaftlichen Leben. Wir wollen, dass jeder Mensch selbstbestimmt leben kann. Berthold Merkle „Vertrauen ist ein Schlüsselwert. Vertrau- en auf das Miteinander und die eigene Kraft.“ Stefan Guhl, Stiftung St. Franziskus Moderne Arbeitskultur Stefan Guhl führt die Stiftung St. Franziskus als Vorstand in die Zukunft. Foto: pixl-Agentur, Hüfingen Schwarzwald-Baar-Heuberg 10/2025 43

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