Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'25 -Südlicher Oberrhein

Wirtschaft im Südwesten 9/2025 62 man ahnt es, dem wohlhabenden Adel vor- behalten. Das einfache Volk trägt unter Rock und Hose: nichts. Ein Leinenhemd ersetzte die Unterhose – im Schritt verknotet, nicht ohne Tücken: „Das Durchziehen des Hinterstücks vom Hemd zwischen den Beinen und seine Be- festigung am Vorderstück übe auch ich schon seit Jahren“, gab der Mediziner Gustav Jäger zu. Auch mal Mode: die Abhärtungswäsche Um 1900 entbrennt ein Streit um das richtige Material. Eine eierlegende Wollmilchsau soll her: seuchenfest, durchblutungsfördernd und hygienisch. Genau in diese Ära existenzieller, textiler Sinnfragen fällt der Aufstieg des jun- gen Unternehmers am Bodensee. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigt Schiesser fast 1000 Arbeitnehmer und ist der größte Maschenwaren-Hersteller im deutschen Kai- serreich. Er lässt sich seine später vielfach prämierte Abhärtungswäsche aus indischer Nesselfaser patentieren, in denen auch die kai- serlichen Soldaten strammstehen. Zeitgleich kämpfen Frauen für die Befreiung vom form- gebenden Korsett – Schiesser stellt daraufhin ein weicheres Flechttrikot her, das nicht formt, sondern verhüllt. 1913 stirbt Jacques Schiesser. Nach denWirren des Ersten Weltkriegs erlebt das Unternehmen einen Aufschwung mit Trikots: Die Leute treiben Sport und wollen dabei gut aussehen. 1923 ist es endlich soweit. Schiesser schreibt Kulturge- schichte und präsentiert die Feinripp-Wäsche: baumwollen, elastisch, enganliegend, nichts zwickt, nichts zwackt. Kurzärmliges Hemd, knie- lange Hose – der Urvater des Liebestöters. Karl-Heinz: die Buxe mit Seiteneingriff Während die deutsche Frau nach dem Zweiten Weltkrieg hauchzarte Hemdchen bevorzugt, hält Mann es simpel: Dieweiße Doppelripp-Un- Fotos: Schiesser Schiesser im Wandel der Zeit Auf alten Plakaten lässt sich Schiessers Entwicklung schön ablesen. Thema damals wie heute: das Qualitätsverspre- chen. Vor allem aber setzte Schiesser Trends: mit dem Knüpftrikot für Sportler, mit weicher Wäsche statt starrer Korsa- gen und mit Karl-Heinz (aus Gründen ohne Foto), der Unterhose mit Seiten- eingriff. Schiessers neue Strategie: Die Brand gibt sich tageslichttauglich – und mit der Armbrust als Familienwappen im XXL-Print auch sehr selbstbewusst. Auf dem Weg zu neuen Zielen Sonja Balodis soll Schiesser als CEO in die Zukunft führen – und denkt an neue Ideen. Vielleicht ist Unterwäsche künftig so intelligent, dass sie Fieber misst oder Krankheiten lindert?

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