Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

M it Gegenwind kennt er sich aus. Schließlich ist Bernhard Palm Ausdauersportler. Mehrmals in der Woche schnürt der Vorstandsvorsitzende vom E-Werk Mittelbaden seine Laufschuhe. Sechs Kilometer, manchmal neun. AmWochenende geht’s aufs Rad und dann auch mal 100 Kilometer weit durch den Schwarzwald. Die Ber- ge rauf und runter, auch wenn die Beine brennen. Schenkel- gas geben! Langen Atem beweisen! Sicher nicht die schlech- testen Charaktereigenschaften, wenn man die Energiewende in Deutschland mitgestalten und einen 120 Jahre alten Regionalversorger auf Touren bringen soll… Vom Rebell aus dem Dorf in die Energiewirtschaft Palm stammt aus einem kleinen Nest in Hohenlohe. Heiligen- bronn, direkt an der Grenze zwischen Bayern und Württem- berg. Die Eltern haben Landwirtschaft. Jeden Morgen früh raus, sieben Tage die Woche. Sowas prägt. Gleichzeitig aber ist der junge Bernhard einer, der auf seinen eigenen Kopf hört und im Zweifel auch mal stur all-in geht. „Ich hab’ als Schüler den Bus boykottiert und dafür den ganzen Ort mobilisiert“, erzählt er. ÖPNV auf dem Land in den 1980er-Jahren: Irgend- wie hält man es auch 40 Jahre später noch ganz automatisch mit den Schülern… Nach dem Abi wird Palm mit 28 jüngster Geschäftsführer in der Geschichte der Baywa-Gruppe. Warum? „Ich glaube, weil ich geradlinig und unbequem bin“, sagt Palm. „Ich kann an- ecken und auch mal Gegenwind aushalten.“ Zweimal gab es Momente, in denen er seiner Frau sagen musste, dass er nicht wisse, ob er morgen noch einen Job habe – zu sehr war er als junger Manager zwischen die Fronten von zwei Vorständen geraten und wieder mal all-in gegangen. Aber: mit Erfolg. Geholfen hat ihm dabei ein alter Silberrücken bei Krupp- Hoesch, der in Palm etwas erkannt hat und so eine Art Coach wurde, auch wenn man das damals noch nicht so nannte: „Er hat seine Lebenserfahrung mit mir geteilt“, sagt Palm. 2001 dann: Wechsel in die Energiewirtschaft. Erst was Kom- munales, dann Vertrieb, später auch Technik. Im EnBW-Um- feld bekommt er die Verantwortung für eine Mini-Unit, die Netcom BW. 30 Mitarbeiter, sieben Millionen Euro Umsatz. Als Bernhard Palm das Unternehmen wieder verlässt, sind es mehr als 100 Millionen Euro Umsatz und 450 Mitarbeiter. Keine schlechte Referenz… Wer ein Corporate Start-up so auf Touren bringt, der ist kein Zauderer, sondern Pragmatiker. Einer, der sich mit demStatus quo nicht zufrieden gibt – genau so etwas suchte man beim E-Werk als neuen Impuls. Inzwischen hat das E-Werk umge- flaggt, ist nicht mehr mit einem lichtgrauen, sondern einem signalroten Logo unterwegs. Botschaft: Seht her! Wir küm- mern uns umdie Energiewende! Wir gehen zumStromernten in den Schwarzwald und sehen uns eher als Actionhelden (so wirbt man dann auch um Azubis), denn als Strombeamte. 555 Millionen Euro mit 440 Mitarbeitern Mit Palm und Finanzvorstand Martin Wenz an der Spitze macht das E-Werk Mittelbaden inzwischen 555 Millionen EuroUmsatz mit etwa 440Angestellten. Gesellschafter: Städ- te und Gemeinden des Ortenaukreises und die EnBW. Gera- de erst hat Palm das größte Investitionspaket der Unterneh- mensgeschichte angekündigt: Für rund 300 Millionen Euro bauen die Ortenauer 30 weitere Windräder und investieren in den Netzausbau, weitereMillionen fließen in Zusammenar- beit mit der Novellus Gruppe (Leitwerk, Octo IT, Q-Fox) in den Bau von Rechenzentren und den Ausbau eines leistungs- starken Ladesäulen-Netzes. Ein ganz schönes Tempo, das Palmda vorgibt – zumal das E-Werk früher auch schon mal an eine Behörde erinnerte und es durchaus reichte, wenn man alles wie immer machte. Daheim gut versorgt. Der alteClaimwar Programm. Denn das E-Werk konzentrierte sich als klassischer Grundversorger ganz auf sein Geschäftsgebiet. Leitungen ziehen, Strom flie- ßen lassen, Zähler ablesen und mit dem Hubschrauber die Freileitungen hinten imSchwarzwald abfliegen: Das Highlight des Jahres in einer heilen Welt mit billigen fossilen Energie- Wie man den Schalter umlegt Seit zwei Jahren ist Bernhard Palm Vorstandschef beim E-Werk Mittelbaden – und steckt mitten in einem XXL-Transformationsprozess. Kulturell, technisch – und mit Blick aufs Geschäftsmodell. Bernhard Palm und die Energiewende vor Ort Foto: Jigal Fichtner Wirtschaft im Südwesten 9/2025 16

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