Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'25 -Südlicher Oberrhein
55 SERVICE R und 60000 Kita-Plätze fehlen derzeit in Baden-Württem- berg. Obendrein fast 15000 Fachkräfte. Es sind alarmie- rende Zahlen, die die Bertelsmann-Stiftung ermittelt hat, denn sie haben direkte Folgen für Unternehmen: Einer Stepstone- Studie zufolge kosten fehlende Betreuungsangebote die deutsche Wirtschaft 23 Milliarden Euro im Jahr, da zwei Drittel der teilzeit- beschäftigten Eltern auch gern Vollzeit arbeiten würden. Zudem führt fehlende Kinderbetreuung bei drei von vier Firmen immer wieder zu Störungen von Betriebsabläufen – etwa wenn Mütter in der Kita einspringen müssen oder Einrichtungen vorübergehend schließen müssen. Gleichzeitig stellt der gesetzlich verankerte Betreuungsanspruch Kommunen vor erhebliche Herausforderungen. Sie bauen neue und erweitern bestehende Kindertagesstätten, unterstützen kirchliche und sonstige Träger, müssen gleichzeitig renovieren und sanie- ren. Und dennoch entsteht allzu oft der Eindruck, dass es hinten und vorne nicht reicht. Nichts fürchten Eltern wohl mehr, als den morgendlichen Anruf der Kita. Denn zu allem Überfluss sind Kita- Mitarbeiter auch noch oft krank – im Schnitt 30 Tage im Jahr, in anderen Berufen sind es nur 15 bis 20. Gesamtkosten: rund 46 Milliarden Euro Das System scheint auf Kante genäht. Einige Kommunen, etwa Offenburg, Stuttgart oder Karlsruhe, haben bereits begonnen, Öffnungszeiten wieder zu kürzen. Zudem setzt man in Offenburg darauf, Kinder von Mitarbeitern des Malteser Hilfsdiensts betreuen zu lassen: Not macht offenbar erfinderisch. Da wundert es nicht, dass in der Politik darüber diskutiert wird, den gesetzlichen Be- treuungsanspruch wieder einzuschränken – zumal Kinderbetreu- ung immer teurer wird: 46,5 Milliarden Euro sind 2024 für Kitas, Krippen und Kindergärten ausgegeben worden. Ein neuer Rekord. Wie sehr sich Kommunen bemühen, dem Bedarf hinterher zu kom- men, zeigt ein Blick in aktuelle Projekte. Lörrach hat Projekte für gut 17 Millionen Euro laufen. In Schwenningen werden gerade 4,5 Millionen in eine neue fünfgruppige Kita investiert. Die Hochschule für Polizei erweitert ihre Kita für 3,9 Millionen Euro und im neuen Villinger Stadtquartier Am oberen Bühl sollen bis 2027 für 12,5 Mil- lionen Euro 153 neue Kita-Plätze entstehen. Umgerechnet kostet damit ein Kitaplatz 82000 Euro – zuzüglich der später auflaufenden Kosten für die eigentliche Kinderbetreuung. Eine Großstadt wie Freiburg, die aktuell gut 3500 Plätze für unter Dreijährige vorhält – Versorgungsquote: 53,5 Prozent –, gibt sogar noch deutlich mehr aus: Allein die Erweiterung und Sanierung der Kita Breisacher Hof kostet 16,5 Millionen, die Neubauten in Moos und Munzingen schlagen mit zehn und 6,5 Millionen zu Buche. Seit 2020 hat die Stadt fast 30 Kita-Neubauten und -Erweiterungen mitfinanziert, vor allem Projekte nichtstädtischer Träger.
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