Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'25 -Südlicher Oberrhein

13 KOPF DES MONATS MENSCHEN W er weiß als Auszubildender oder Student schon so genau, an wel- chem Arbeitsplatz er später mal landen wird. Solche „Wer hätt’s gedacht“- Geschichten könnte man millionenfach er- zählen. Doch als Aushilfe anzufangen und den gleichen Laden, eines der größten Sani- tätshäuser Deutschlands mit rund 400 Mit- arbeitern, Jahrzehnte später zu schmeißen, das sticht heraus. Dabei möchte Stephan Thoma gar nicht viel erzählen, sagt er. Nicht von sich, lieber von der Geschichte seines „dritten Kindes“, wie er es nennt, also der Firma. Und von seinem Chef und Mentor Peter Wien, der für ihn wie ein Vater wurde und den er nach dessen Tod schmerzlich vermisst. Also erzählt er los, schnell, rund- heraus und ohne zu unterbrechen, so wie er wohl auch arbeitet. Nur einmal gerät er ins Stocken. Er bittet um eine Pause, als die Rede auf Peter Wien kommt und der große, kräftige Mann mit den Tränen kämpft. Denn Wien war es, der Schaub groß machte. Und Stephan Thoma mit. Zwei Brüder im Streit Ganz am Anfang standen Hans Georg und Franz Schaub, Brüder und Orthopädie- technikermeister, die 1932 gemeinsam das Sanitätshaus Schaub gründeten. Die Gemeinschaft währte nicht, in den 50er- Jahren kam es zum Streit und zur Trennung. An der Freiburger Bertoldstraße, an der sich noch heute das Sanitätshaus befin- det, befand sich danach links der Laden von Franz und rechts der von Hans Georg. Lymphologie und Orthopädietechnik. Und wehe, jemand verwechselte die Eingänge. In den 70ern zogen die Brüder sich aus dem Geschäft zurück, Tochter Angela übernahm die Firma Franz Schaub, bei HG Schaub stieg Hans Georgs Schwiegersohn, der Ingenieur Peter Wien, ein. Beide Überneh mer brachten ihre Firmen voran, jeder auf seine Weise. Angela Vollmer, geborene Schaub, war und ist nicht nur gelernte Fremdsprachensekre tärin, sondern auch Bandagisten meisterin. Kompressionsstrümp fe für das lymphatische System wurden ihr Steckenpferd und sie eine Koryphäe bei der Be handlung von Lymphödemen. Einer für alle: die Vision von Peter Wien „Peter Wien hatte ein unglaubliches Gespür für Notwendigkeiten und Verbesserungen, war Zeit seines Lebens ein Visionär“, er- innert sich Stephan Thoma. Unter Wiens Führung gab es mehr und mehr Filialen mit jeder Menge Ausstellungsware zum Anschau- en, Anfassen, Fühlen. Und das Portfolio der Firma wuchs. Auf der grünen Wiese, im Ge- werbegebiet Haid, entstand die erste Zentra- le mit Verwaltung, Werkstätten und Logistik. „Das war damals bahnbrechend.“ Und: Wien und Vollmer taten sich zusammen. Anfang der 90er kaufte Wien die Firma Franz Schaub, 2017 schmolzen die beiden Firmen zusammen. 62 Jahre nach der Trennung. Eine fremde Welt… I n den 2000er-Jahren war Stephan Thoma schon längst Teil von Schaub. Er hatte in den 90ern in Freiburg Volkswirtschaft studiert und brauchte einen Job. Kellnern kam nicht in Frage: „Zu hibbelig.“ Stattdessen hatte er bei Schaub als Aushilfe angeheuert, saß am (Tasten-)Telefon, erledigte Botengänge, fegte das Lager, half in den Werkstätten. „Es hat mir unwahrscheinlich gefallen. Ich bekam Ein- drücke von einer Welt, die mir als gesunder, junger Mensch fremd war.“ Er bekam mit, wie Schaub-Hilfsmittel Menschen helfen, wieder am täglichen Leben teilzunehmen. Wie etwa der über 70-Jährigen in Freiburg Weingarten, der es ein Rollator nach vier Jahren endlich wieder ermöglichte, vor die Tür zu gehen. Für Thoma ein Schlüsselerlebnis. Thoma durchlief bei Schaub als Aushilfe verschiedene Abteilungen und weckte die Aufmerksamkeit des Chefs – nicht nur mit seinen Fähigkeiten. Er könne sehr direkt sein, sagt Thoma. Egal wem gegenüber. Vor allem, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. So kam es 1992 zu einer heftigen Meinungs- verschiedenheit zwischen den beiden – doch der Schaub- Chef kündigte ihm nicht, er bot ihm eine Festanstellung an. So stieg Thoma als Sachbearbei- ter im Zentraleinkauf ein, den er später als Prokurist ganz übernahm. 2002, Thoma war gerade 34, bot Wien ihm dann den Geschäftsführer-Posten an. Und machte seinen Zögling da- mit sprachlos … Steuert eine der erfolg- reichsten Sanitätshaus- Gruppen Deutschlands: Schaub-Geschäftsführer Stephan Thoma in seinem Freiburger Büro Bilder: Jigal Fichtner

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