Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe März'25 - Hochrhein-Bodensee

30 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 3 | 2025 REGIO REPORT  IHK Hochrhein-Bodensee D ie Idee hinter der Plattform für Abwärme ist einfach und hat zwei Ziele: Zum einen schafft sie einen Überblick über Unternehmen und Standorte, an denen Abwärme entsteht und daher auch anderen zu Verfügung steht. Zum anderen kann sie interne Prozesse ans Licht bringen und so zu einer besseren Energieeffizienz beitragen. Was das bedeutet, erläutert Martin Pfränger an einem einfachen Beispiel: „In vielen Unternehmen sind die Zuständigkeiten für die Produktion und das Gebäudemanagement voneinander getrennt. Dabei ließe sich die eingesetzte Energie für Kühlen und Heizen in der Produktion durch Wärmetauscher oder eine intelligente Vernet- zung auch zum Lüften, Heizen oder Kühlen von Verwaltungstrakten oder anderen Räumen nutzen.“ Das werde aber erst sichtbar, wenn man die Daten erhoben und ausgewertet habe, verdeutlicht der Diplom-Ingenieur. Die Plattform für Abwärme gibt es seit dem Frühjahr 2024. Grund- lage ist das Energieeffizienzgesetz (EnEfG). Dessen Ziele sind es, die Energieeffizienz zu steigern, um sowohl den Energieverbrauch zu senken, die Versorgungssicherheit zu erhöhen als auch einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Auskunft über ihre Abwärme geben müssen alle Unternehmen, die über einen Zeitraum von drei Jahren im Durchschnitt einen Gesamtendenergieverbrauch von mehr als 2,5 Gigawattstunden pro Jahr (GWh/a) aufweisen. Stichtag für die erste Erfassung war der 1. Januar 2025. Martin Pfränger ist Maschinenbauingenieur, studierter Energie- und Umweltmanager und Gesamtprojektleiter des Kompetenzzentrums Abwärme BW. Das ist Teil von Umwelttechnik BW, der Landesagentur für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz in Baden-Württemberg. Sein Team und er beraten Unternehmen direkt und über Organisa- tionen wie die IHK Hochrhein-Bodensee unentgeltlich rund um das Thema Abwärme und deren Potenziale. Zuletzt im ERFA-Kreis zu Umwelt- und Energiethemen im Februar. Dem 57-Jährigen ist dabei wichtig, die langfristigen Vorteile stärker ins Licht zu rücken. Herr Pfränger, welche Unternehmen oder Branchen sollten sich beim Thema Abwärme-Plattform angesprochen fühlen? Martin Pfränger: Das sind sehr unterschiedliche Unternehmensty- pen. Das reicht von Zementwerken über die Lebensmittelindustrie, Großbäckereien, Gießereien, Brauereien bis hin zu Unternehmen, die Metalle wie Kupfer, Stahl oder Aluminium ver- und bearbeiten. Überall, wo es ums Erhitzen und Kühlen im großen Maßstab geht. Wir reden hier nicht von der Abwärme einer Kaffeemaschine oder eines Toasters in einer Kantine. Wie viel Potenzial steckt in der industriellen Abwärme? Allein in Baden-Württemberg rechnen wir vom Kompetenzzentrum Abwärme mit einem Potenzial von mindestens rund zehn Terawatt- stunden pro Jahr. So viel Energie geht der Industrie – oder besser der Gesamtwirtschaft – durch Abwärme jährlich verloren. Lässt sich Abwärme auch außerhalb der Industrie nutzen? Da gibt es ein gutes Beispiel vom Hochrhein: Evonik in Rheinfelden ist ein großer Abwärme-Emittent. Das Unternehmen kooperiert mit den Stadtwerken bei einem Nahwärmenetz. Hier zeigt sich, wie wichtig Vernetzung ist. Die Plattform für Abwärme schafft diese Transparenz und ermöglicht eine standortübergreifende Zusammenarbeit – ob mit der Kommune, Stadtwerken oder anderen Unternehmen. Das klingt alles nachvollziehbar und sinnvoll. Warum war das bislang kein relevantes Thema? Gas oder Strom waren in der Vergangenheit sehr preisgünstig. Es gab aus wirtschaftlicher Sicht keinen Grund, über eine Rückgewin- nung oder eine höhere Energieeffizienz nachzudenken. Selbst heute ist die Rentabilität eines Abwärmeprojekts meist erst nach drei, vier, manchmal auch erst fünf bis sieben Jahren gegeben. Da wird dann lieber in eine neue Maschine investiert, die sich schneller rechnet, anstatt in Energieeffizienzmaßnahmen. Doch das können wir uns – auch angesichts der drängenden Klimaproblematik – schlicht und ergreifend nicht mehr leisten. Martin Pfränger In industrieller Abwärme schlummert enormes Potenzial Erfassung zahlt sich aus Vor knapp einem Jahr wurde die Plattform für Abwärme (PfA) eingerichtet. Die Bereitstellung von Daten kann für Unternehmen schon mit einigem Aufwand verbunden sein, weiß Martin Pfränger. Doch die Erfassung der industriellen Abwärme habe gerade langfristige Vorteile. Darauf weist der Fachmann für Energie- und Umweltmanagement vom Kompetenzzentrum Abwärme BW immer wieder gern hin. Klimaserie

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