Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'25 - Hochrhein-Bodensee
44 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 2 | 2025 UNTERNEHMEN Dienstags können Kunden bei Edeka Baur in Konstanz ohne Lautsprecherdurchsagen und grelles Licht einkaufen: Diese Stille Stunde ist für Geschäftsführerin Sabine Seibl kein Marketing-Gag – sondern ein Entgegenkommen für Hochsensible. Spitze auf dem Land Fördergelder für den Südwesten STUTTGART. Die zehn Gewinner der 23. Ausschreibungsrunde von „Spitze auf dem Land! Technologieführer für Baden-Würt- temberg“ stehen fest. Sieben Unternehmen stammen aus dem Südwesten. Mit Innovationskraft und Kompetenz über- zeugt haben: Tepea Automatisierungstechnik & Robotik (Rheinhausen), Hilberer Schrau- ben (Berghaupten), Kienzler Stadtmobiliar (Hausach), Haastechnik (Kappelrodeck), Weiss (Deißlingen), Live-Fresh (Neuhausen ob Eck), Getsch und Hiller Medizintechnik (Tuttlingen). Das hat jetzt das baden-würt- tembergische Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz mitgeteilt. Die zehn Unternehmen werden mit insgesamt 3,8 Millionen Euro gefördert. Die Mittel stammen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und dem baden-württembergischen Entwick- lungsprogramm Ländlicher Raum (ELR). Das Förderprogramm „Spitze auf dem Land!“ richtet sich an Unternehmen mit weniger als 100 Beschäftigten. Einkaufen für Hochsensible Die stille Stunde Bild: Benedikt Brüne S chätzungen zufolge sind 20 bis 30 Prozent aller Menschen hochsensibel. Ihnen fällt es schwerer als anderen, Sinneseindrücke zu filtern: Lärm, Gerüche, Berührungen, Lichtreize, Gefühle. Hochsensible neh- men all dies – individuell sehr unterschiedlich – beson- ders intensiv wahr, und vieles wird für ihr Nervensystem zu einer starken Belastung. Um auf die Bedürfnisse dieser Kundengruppe Rücksicht zu nehmen, bietet das Konstanzer Einzelhandelsunternehmen Edeka Baur jeden Dienstag von 15 bis 17 Uhr in seinem Markt im Stadtteil Petershausen eine so genannte Stille Stunde an. Das Licht wird reduziert, es gibt weder Musik noch Durchsagen. Auch das Auffüllen der Regale bleibt in dieser Zeit weitgehend aus, und das Piepen an den Scannerkassen verstummt. „Das Gespräch hat mein Herz berührt“ „Eine Kundin mit autistischen Kindern hatte sich im Weihnachtsgeschäft bei uns gemeldet“, schildert Ge- schäftsführerin Sabine Seibl, wie das Projekt vor zwei Jahren entstanden ist. Einkaufen vor Weihnachten, mit- unter bedeutet das: viel Kundschaft, Intensität, Hektik. „Das Gespräch hat mein Herz berührt. Mir war die Not der betroffenen Menschen nicht bewusst“, erklärt Seibl, die sie sich mit ihrem Bruder Jürgen Baur zu einer Testphase entschloss, die im März 2023 begonnen hat. Ganz einfach war das nicht. Seibl: „Man dimmt in ei- nem Supermarkt das Licht nicht einfach runter wie eine Wohnzimmerlampe.“ Die Technik musste eingerichtet, das Personal involviert werden. So helfen kleine Licht- strahler im Kassenbereich den Mitarbeitern bei ihrer Arbeit im ansonsten merklich dunkleren Markt, der mit 4.000 Quadratmetern Verkaufsfläche einer der größten im Landkreis Konstanz ist. Auch wenn es vereinzelt kritische Stimmen gab, steht für die Geschäftsleitung fest: Die Stille Stunde bleibt als feste Einrichtung. „Wir haben eine Stammkund- schaft, die genau diese zwei Stunden zum Einkaufen nutzt“, erklärt Marktleiter Marco Peic. Zwischen 800 und 1.000 Kunden zählt der Markt in dieser Zeit. Vielleicht macht das Beispiel der Stillen Stunde auch andernorts Schule. Vereinzelte Angebote gibt es zwar auch schon in anderen Einkaufsmärkten, sie sind aber bislang die Ausnahme. Benedikt Brüne Gedimmtes Licht und stumme Kassen: Sabine Seibl und Marco Peic gehen mit ihrer Stillen Stunde auf die Bedürf- nisse hochsensibler Einkaufskunden ein.
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