Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Januar'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

42 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 1 | 2025 Viel zu tun im Qualitätsmanagement Es sind die hohen Kosten, lange Verfahrens- dauern, Bürokratie und absurde Prozesse, die nicht nur nerven, sondern schwerwie- gende Folgen haben. Nämlich dann, wenn man nicht das tut, was Gerhard Hipp für sein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern und drei Millionen Euro Umsatz tun musste: Die halbe Qualitätsmanagement-Stelle auf 2,5 Stellen erweitern und noch einen externen Berater hinzuziehen, um Produkte zu rezertifizieren, die es seit mehr als 30 Jahren gibt. Zum Beispiel eine Schraube für die Kinderchi- rurgie, die angewendet wird, um Fußfehlstel- lungen zu heilen. „Wir überlegen, derartige Produkte künftig aus unserem Sortiment zu nehmen. Der Aufwand für die Rezertifizie- rung ist zu groß“, erklärt Hipp. Für die Kinder bedeutet das: Unter Umständen muss dann wieder konservativ oder mit komplizierten Operationsmethoden behandelt werden. Wie vor 30 Jahren. Und so wirkt die MDR sich nicht nur auf die Hersteller negativ aus, son- dern katapultiert Kliniken aus ihrer Routine und bringt Patienten aufgrund schlechterer Versorgung in die Bredouille. Behandlungsmöglichkeiten fallen weg Wie Anton Hipp spricht auch Karl Storz mit seinen 9.400 Mitarbeitern und 2,17 Milliarden Euro Umsatz von massiven Auswirkungen und dauerhaft gedrosselter Innovationskraft. Wie Martin Leonhard, Leiter Government Affairs, bestätigt, lässt man auch bei Karl Storz einige Produkte auslaufen – zudem können einige vielversprechende neue Produktideen nicht weiterentwickelt werden. Betroffen sind auch hier die häufig zur Kinder- und Neurochirurgie gehörenden Nischenprodukte. Schon die Ankündigung, dass ein Produkt vom Markt genommen werden sollte, löste eine alarmierende Reaktion bei Neurochir- urgen aus, denn es gab keine Alternativen mehr, um Kinder so gut wie möglich zu behandeln. Am Schluss war es laut Martin Leonhard die für ein Familienunternehmen typische ethische Verantwortung, dass man die Entscheidung revidierte: „Das war nur möglich, weil wir als international erfolgrei- ches und dementsprechend großes Unter- nehmen diese Nische über andere Bereiche querfinanzieren.“ Weil so etwas nicht immer geht, hat sich Storz entschieden, den Geschäftsbereich Gastroenterologie einzustellen. Damit ver- schwindet laut Leonhard der weltweit ein- zige nicht-asiatische Anbieter vom Markt – die von der Politik eigentlich gewünschte Resilienz Europas wird weiter geschwächt. Er fügt hinzu: „In den letzten fünf Jahren haben wir aufgrund der MDR unsere Mitar- beiterzahl im Bereich Regulatory Affairs um satte 190 Prozent erhöht.“ Statt das eigene Team aufzustocken, hat man bei Bacher Medizintechnik in Tuttlingen externe Berater engagiert. Wie Patrick Ba- cher, selbst Qualitätsmanager im eigenen 35-köpfigen Familienunternehmen, erklärt, ist man die verlängerte Werkbank der Big Player und als kein In-Verkehr-Bringer von der Rezertifizierung von Produkten ver- schont. Allerdings: „Wir müssen Maschinen validieren, alle qualifizieren und viel Geld für Dinge ausgeben, die nichts bringen.“ Und wenn er sieht, dass Produkte wie ein Spatel früher 15,80 Euro kosteten und nach der Validierung 90 bis 100 Euro, dann sieht Patrick Bacher jetzt schon, wie man sich in Fernost die Hände reibt. Die MDR soll geändert werden Julia Steckeler und ihr Team bei Medical Mountains sehen diese vielfältigen Folgen der MDR: „Es gab Unternehmensübernahmen, manche haben sich zusammengeschlossen, Mit mehr als 600 Unternehmen ist der Südwesten einer der europaweit führenden Standorte auf dem Gebiet der Medizintechnik. Darunter sind internationale Großun- ternehmen wie Karl Storz (Bild oben) sowie KMU wie Sutter Medizintechnik (unten). „Forschung und Entwicklung rücken aus Europa ab“

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