Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Januar'25 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

39 1| 2025 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Papierproduktion bei Koehler Paper: Die Oberkircher setzen nach dem Welterfolg mit Durchschreibe- und Thermopapier jetzt auf versiegelbare, fett- und aromadichte Verpackungspapiere. „Wir werden von immer neuen Vorschriften regelrecht erschlagen und keine dieser Ge- setzesnovellen fördert die Produktivität. Im Gegenteil: Es geht nur um immer noch mehr administrativen Wahnsinn. Darunter leiden wir massiv“, sagt Furler. War es also ein Feh- ler, in Kehl zu investieren und nicht in Straß- burg? Oder sonstwo auf der Welt, vielleicht in Nordamerika? „Es ist schon verrückt, dass Energie nur 500 Meter weiter gerade einmal die Hälfte kostet“, sagt Furler mit Blick auf die seinerzeitige Kehl-Straßburg-Debatte und erzählt von einer Weltreise. In Asien war er, in den USA, in Osteuropa – aber nirgends fanden sich qualifizierte Mitarbeiter für eine High-Tech-Papierproduktion. Und dennoch: „Eine Runde Golf würde ich in Mar-a-Lago schon spielen“, sagt Furler mit Blick auf Trumps Amerika, die immer größer werdenden Schwierigkeiten, Personal für die Schichtarbeit zu finden und den Ärger, den Koehler (mal wieder) mit dem US-Zoll hat. 193 Millionen Dollar Zölle soll man zahlen, weil das deutsche Thermopapier zu günstig sei. „Durch nichts gerechtfertigt“, sagt Furler dazu. „Das ist reiner Protektionismus.“ Wie nachhaltig Ausbildung ist Abseits vom Wirtschaftskrimi werden der- weil Fakten geschaffen. In Willstätt hat Koehler für sogenannte Sublimationsmedi- en, also Papiere, um T-Shirts und Tassen zu bedrucken, eine supermoderne Fabrik hin- gestellt – und dann den Nachbarn gekauft: Die frühere Zentrale des Textildiscounters Orsay, wo es seither nicht mehr um Fast Fashion geht, sondern unter anderem um eine solide Ausbildung. Koehler hat hier für rund 73 Millionen Euro eine hochmoderne Bierdeckel-Produktion aufgebaut und seine Ausbildungswerkstatt zentralisiert. „Das ist auch ein Teil unserer Nachhaltigkeitsstrate- gie“, sagt Furler. „Denn wenn wir die Nach- teile des Standorts Deutschland irgendwie ausgleichen können, dann nur über die Mit- arbeiter: Wir haben ein unvergleichliches Ausbildungsniveau in Deutschland, aber um das zu halten, müssen wir uns engagieren.“ Wie plant man Unplanbares? So ist auch die Entscheidung für den Bau der Gretel-Furler-Kita in Oberkirch zu verstehen. Die wird gebaut, um es Müttern und Vätern zu ermöglichen, Familien zu gründen und bei Koehler zu arbeiten. Eigentlich Aufgabe der öffentlichen Hand, aber so ganz der Ge- duldige ist Kai Furler eben doch nicht. „Wir arbeiten derzeit unter haarsträubenden Rah- menbedingungen. Aber ich bin nicht der Typ, der auf Neuwahlen wartet oder sich davon etwas verspricht“, sagt er mit nachdenkli- cher Miene. „Opa Hans war Politiker, sogar Präsident des Europäischen Parlaments. Ich aber muss die Weichen im und für das Unter- nehmen stellen. Früher haben wir das einmal im Jahr gemacht, dann quartalsweise – und inzwischen versuchen wir fast schon täglich, das Unplanbare doch irgendwie zu planen.“ Ulf Tietge

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