Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'24 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

40 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 11 | 2024 N ach 175 Jahren führt Heinrich Caroli nicht nur den Namen, sondern auch das Erbe seines Vorfahren weiter. In diesen fast zwei Jahrhunderten seit der Gründung der Lahrer Firma Caroli ist aus dem Sattler- geschäft mit Bandagenfabrikation eine Fach- firma für Bandagen und orthopädietechni- sche Bauteile geworden. Die Bandagen, mit denen die Firma einst groß wurde, machen nur noch einen kleinen Teil des Umsatzes aus. Doch von vorn: Es ist das Jahr 1849. Hein- rich Caroli übernimmt das Sattlergeschäft seines Vaters in Lahr. Doch er begnügt sich nicht mit dem, was bisher war. Statt weiter nur Lederzeug für Ross und Reiter herzustellen, gründet er mit Ende 20 und fünf Mitarbeitern eine Fabrik für Bruchbän- der. Als Wandergeselle auf der Walz hatte der junge Caroli in den acht Jahren zuvor gelernt, diese spezielle Bandagen-Art her- zustellen, die bei Leistenbrüchen die Bauch- decke stabilisiert. Unter dem Einfluss der nachfolgenden Ca- roli-Generationen entwickelt sich von da an nicht nur das Bruchband weiter (es wird dank Polsterung um einiges komfortabler), son- dern auch die Produktpalette der Firma. Me- dizinische Leibbinden kommen hinzu, Sus- pensorien, Geradehalter. Das Geschäft mit Medizinprodukten boomt, die Firma wächst. Caroli-Produkte sind im In- und Ausland ge- fragt. Um die Jahrhundertwende wirbt die Fir- ma mit Katalogen auf Englisch, Französisch und Spanisch sowie mehrsprachigen Anzei- gen in Westeuropa. Auch das Zarenreich ist Absatzgebiet. Aus der Sattlerei in der Lahrer Innenstadt wird mit den Jahren ein Sanitätshaus. Die Bruchbandfabrik wird aus- gelagert an ihren heutigen Standort und ver- größert, die Produktpalette um Bandagen für Knie- und Handgelenke sowie Fußeinlagen erweitert. Zeitweilig sind 130 Personen bei Caroli beschäftigt. In den 1960er-Jahren löst die maschinelle Fertigung die aufwendige manuelle ab. Und so wie ihre Produkte Menschen helfen, in Bewegung zu bleiben, ist auch die Firma Caroli selbst stets in Bewegung. So erwei- tert eine richtungsweisende Erfindung das Portfolio: Beim Angeln kommt dem Leiter der Metallabteilung die Idee, eine orthopädische Schiene mit Schneckentrieb zu entwickeln, um unbewegliche Gelenke wieder beweglich zu machen. Die Erfindung wird patentiert, das Produkt zum Erfolg. Die Innovation ist ein Glücksfall für die Firma, denn die Zeiten, in denen es stetig bergauf ging, sind vorbei. Weil Leistenbrüche inzwi- schen operiert werden können, sind immer weniger Menschen auf Bruchbänder angewie- sen. Aus dem, was Caroli einst nach vorne brachte, wird ein Nischenprodukt. Hinzu kom- men Gesundheitsreformen und der Preiskampf mit Mitbewerbern, die in Ländern mit niedrige- ren Löhnen fertigen lassen. Die Folge: Ab Mitte der 1990er bricht der Umsatz im Bandagen- bereich ein. Caroli muss Personal abbauen, kommt um Entlassungen aber herum. Das Lahrer Orthopädietechnik-Unternehmen Caroli blickt auf eine lange Familientradition zurück. In dieser Zeit hat sich das Geschäft sehr verändert – einfacher ist es nicht geworden. 175 Jahre Caroli Immer in Bewegung bleiben UNTERNEHMEN

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