Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'24 - Hochrhein-Bodensee
51 11 | 2024 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten THEMEN & TRENDS Wie unterscheiden sich die Unternehmen, die bereits mit Start-ups zusammenarbei- ten, von denen, die es nicht tun? Im Rahmen einer Interview-Studie haben wir elf technologie-orientierte Mittelständler zu Start-up-Strategien befragt. Da gibt es eini- ge, die sowohl eine Innovationsstrategie als auch eine eigene Start-up-Strategie haben, die explizit diskutiert und verschriftlicht wur- de, die auch in den Prozessen verankert ist und wo es Personen gibt, die verantwortlich sind. Wer schon Erfahrung und Know-how hat, sucht proaktiv nach Start-ups, hat schon verschiedene Kooperationspartner und sucht sich die Informationen an verschiedenen Quellen zusammen, also auch über Verbände wie die IHK oder Acceleratoren. Diese Un- ternehmen wissen ganz genau, wo weltweit Cluster sind, wo vielleicht mit der Techno- logie oder technologienah gearbeitet wird. Diese Unternehmen sind offen und immer auf der Suche, sprechen mit Business-Angels und Venture-Capital-Gesellschaften. Sie nut- zen systematisch ein breites Netzwerk und mehrere Informationskanäle. Und die anderen? Die haben dagegen eher ein opportunisti- sches Suchverhalten: Wenn sich eine Tür auftut, dann gucken wir uns das mal an – wenn nicht, forcieren wir es auch nicht. Ei- nige gucken auch nur regional. Viele haben keine Strategie, haben das nicht institutionell verankert. Und dann gibt es natürlich auch viele Zwischenformen. Einige sind also sehr sensibilisiert und andere noch gar nicht. Sie sagen, unser Geschäft läuft und können damit auch recht haben. Das hängt sehr vom tatsächlichen Geschäfts- feld ab. Aber es kann auch sein, dass dadurch Chancen entweder spät oder gar nicht gese- hen werden, geschweige denn, dass man sie dann rechtzeitig gegriffen kriegt. Halten Sie Kooperationen zwischen Start- ups und Mittelständlern für wichtig? Es lohnt sich auf jeden Fall, ein bisschen das Ohr an der Schiene zu haben. Selbst wenn sich jemand noch sehr sicher fühlt. Neue Technologien und Innovationen können bestehende Geschäftsmodelle und Märkte ablösen. Nehmen wir Digitalisierung und KI: Es werden nicht nur einfach Prozesse digitali- siert, die vorher schon da waren, sondern es werden völlig neue Prozesse, Arbeitsweisen und Geschäftsmodelle geschaffen, und viele Betriebe müssen andere dafür abgeben oder verändern. Wer so etwas gar nicht mitge- kriegt hat, kann nichts tun. Dann kommt es und man ist weg. Stephan Lengsfeld Stephan Lengsfeld ist Leiter des Insti- tuts für Finanzwesen, Controlling und Entrepreneurship der wirtschaftswis- senschaftlichen Fakultät an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg. Kontakt: 0761 203-2377 lengsfeld@vwl.uni-freiburg.de »Zitate« Und selbst wer es kommen sieht, hat viel- leicht das Problem, das Neue zu integrieren und die eigenen Prozesse entsprechend zu verändern, auch mit den Mitarbeitern. Es kann Widerstände geben, die dazu führen, dass es zu lange dauert und man dann schei- tert. Man lebt so lange gut, bis plötzlich das, was man nicht gesehen hat, dasteht. Deswe- gen ist es enorm wichtig, Entwicklungen aktiv mitzubekommen und dranzubleiben. Für die Unternehmen, die gerne künftig mit Start-ups kooperieren möchten – was können sie tun? Ein erster Schritt ist die Sensibilisierung da- für, welche Vorteile Kooperationen haben. Dazu die Förderung von Offenheit: Also nicht nur Chancen sehen, sondern auch ergreifen und eigene Ressourcen mit dem Start-up teilen. Kooperation heißt immer Geben und Nehmen. Wichtig ist auch, den eigenen Be- darf gut zu identifizieren, die eigenen Erwar- tungen zu kennen. Wir haben Mittelständler, Start-ups und Inter- mediäre gefragt, welche Anbahnungsformate für Startup-Mittelstand-Kooperationen als besonders zielführend angesehen werden. Messen und Workshops zielen auf Sensibi- lisierung, Challenges oder Hackathons ge- hen schon einen Schritt weiter und es gibt Mentoring als begleitenden Prozess. Manche Acceleratoren haben inzwischen über Wo- chen und Monate hinweg einen Matchma- king-Prozess, wo sie sowohl Mittelständler als auch Start-ups begleiten. Dabei können Erwartungshaltungen geklärt, wechselseitig abgestimmt und Probleme frühzeitig ange- gangen werden. Damit solche Kooperationen auch funkti- onieren? Es ist immer die Frage: Passt es zusammen? Entstehen untereinander Verbindlichkeit und eine Vertrauensbasis, so dass beidseitig auch wirklich miteinander gearbeitet wird? Und keine Enttäuschung hinterher dahin- gehend entsteht, dass es entweder nicht funktioniert oder die andere Seite nicht das beiträgt, was man selbst sich erhofft hat – Technologie, Ressourcen, Manpower oder die Zeitachse betreffend. Unterneh- men und Start-ups sind teilweise auf sehr unterschiedlichen Zeitachsen unterwegs. Ein Start-up ist sehr agil, es sind nur weni- ge Leute an Entscheidungsprozessen be- teiligt. Ein gewachsenes Unternehmen hat eine Hierarchie, die mehr oder weniger agil arbeitet. Das zu erkennen und zusammen zu kriegen, sodass es eine Passung hat, ist für beide Seiten wichtig. Man lebt so lange gut, bis plötzlich das, was man nicht gesehen hat, dasteht
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