Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'24 - Hochrhein-Bodensee
20 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 11 | 2024 REGIO REPORT IHK Hochrhein-Bodensee 19 Wirtschaftsregion Bodensee Katrin Klodt-Bußmann und Jérôme Müggler im Interview 21 Nachfolger Neuer Referent für Existenzgrün- dung und Unternehmensförderung 22 IHK-Weiterbildung Neue Leiterin hat Europa im Herzen 24 Neue Broschüre Weiterbildungsangebote auf 114 Seiten 26 Workshop Neue Digital-Richtlinien 29 Veranstaltungsreihe Wirtschaftsrecht für Unternehmen 30 Gründerszene Von Problemlöserinnen und Lö- sungsfindern 32 Abwasserentsorgung Smart5 ist europaweit gefragt 33 Gewässerschutz Fester Bestandteil von Nachhaltig- keitsstrategien INHALT Klodt-Bußmann: Das konnten wir gut be- obachten, als während der Corona-Krise die Grenzen zeitweise geschlossen waren. Tausende Pendlerinnen und Pendler, die täglich zur Arbeit in die Schweiz fahren, waren betroffen. Dem deutschen Einzel- handel fehlte plötzlich die Schweizer Kund- schaft. Und die Unternehmen, die häufig Standorte auf beiden Seiten der Grenze unterhalten, wussten zeitweise nicht, wie sie ihre Lieferketten und Produktionen auf- rechterhalten können. In dieser Zeit wurde besonders deutlich, wie wichtig es ist, dass die Zusammenarbeit gut funktioniert. Wo sehen Sie Herausforderungen? Müggler: Aktuell sehe ich vor allem die laufenden Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU über die Weiterent- wicklung bilateraler Verträge als Heraus- forderung, die auch die Grenzregion be- treffen. Dabei geht es um eine Handvoll Marktzugangsabkommen, von welchen beide Seiten stark profitieren. Wenn der bilaterale Weg weiter erodiert, würde dies dem Handel in der Region schaden. Klodt-Bußmann: Dass die Verhandlun- gen zwischen der Schweiz und der EU so schwierig sind, hat auch mit den unter- schiedlichen politischen Systemen zu tun. Für die Menschen in der Schweiz ist die di- rekte Demokratie mit Volksabstimmungen sehr wichtig. Das sollten wir respektieren. Müggler: Ein wichtiger Punkt in den Ver- handlungen ist die Rolle des Europäischen Gerichtshof (EuGH), der im Streitfall euro- päisches Binnenmarktrecht auslegen soll. Die Schweiz kennt ihrerseits keine Verfas- sungsgerichtsbarkeit im eigentlichen Sin- ne. Deshalb ist es für die Schweiz schwie- riger, ein System zu akzeptieren, in dem das Stimmvolk nicht das letzte Wort haben würde. Im Gleichen muss die Schweiz ver- stehen, dass eine Teilnahme am Binnen- markt eben an gewisse Regeln gebunden ist, die auch für die EU-Mitglieder gelten. Wird es eine Lösung geben? Klodt-Bußmann: Fehlen entsprechende bilaterale Abkommen, ist das für die Un- ternehmen mit viel Aufwand und Kosten verbunden. Abkommen schaffen Rechts- sicherheit, minimieren Handelshemmnisse und unterstützen die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft von Unternehmen in beiden Regionen. Die Abkommen bieten klare und einheitliche Regeln und redu- zieren Unsicherheiten, insbesondere bei Fragen der Produktsicherheit, Umweltstan- dards und technischen Vorschriften. Ange- sichts der zahlreichen Gespräche zwischen deutschen und Schweizer Akteuren und dem spürbaren Willen auf beiden Seiten, die enge Zusammenarbeit zu vertiefen, bin ich dennoch optimistisch. Die Beziehungen der Schweiz und der EU gleichen manch- mal einer Familie. Man setzt sich ausein- ander, es wird intensiv diskutiert und findet schließlich eine gute Lösung. Müggler: Ich finde das Bild der Familie sehr schön. Wir haben einen vertrauten Umgang, sind eng verbunden und wissen, was wir aneinander haben. Manchmal wird intensiv diskutiert und verhandelt – und dann finden wir eine gute Lösung. Gerade weil die Import- und Export-Zahlen eindeu- tig zeigen, wie sehr beide Seiten voneinan- der profitieren. Selbst bei Kritikerinnen und Kritikern der bilateralen Verträge herrscht dann oft großes Staunen. Klodt Bußmann: Wir müssen den Men- schen immer wieder erklären, was auf dem Spiel steht. Hierfür ist die grenzüberschrei- tende Zusammenarbeit von Industrie- und Handelskammern (IHKs), wie zwischen Deutschland und der Schweiz, von großer Bedeutung. Der regelmäßige Austausch der IHKs stärkt die Stimme der Unternehmen in unserer Region gegenüber Regierungen und internationalen Institutionen. Interview: Heike Wagner wirtschaftliche Aktivitäten. Das kann man in Konstanz bei der Schänzlebrücke gut sehen. Täglich passieren dort tausende Au- tos und Lastwagen in beide Richtungen die Grenze. Würde man die Grenze schließen oder den Übergang erschweren, wirkt sich das direkt auf die Wirtschaft und das Leben der Menschen im Grenzraum aus. ZU DEN PERSONEN Katrin Klodt-Bußmann (53) ist seit Janu- ar 2024 die neue Hauptgeschäftsführerin der IHK Hochrhein-Bodensee. Zuvor war sie Professorin für Wirtschaftsrecht so- wie unter anderem für Großkanzleien und einen Automobilkonzern tätig. Jérôme Müggler (44) ist seit 2019 Direk- tor der Industrie- und Handelskammer Thurgau. Zuvor war er für das Beratungs- unternehmen KPMG in Zürich tätig. Stu- diert hat der Thurgauer Geschichte und deutsche Literatur an der Universität Zü- rich sowie strategisches Marketing und marktorientierte Unternehmensführung an der Universität Basel. Bild: Adobe Stock/Oleksii
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