Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'24 -Südlicher Oberrhein

9 10 | 2024 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten DAS NEUE FACHKRÄFTEEINWANDERUNGSGESETZ – WAS HAT SICH VERÄNDERT? Wer ausländische Fachkräfte einstellen will, kommt um das Fach- kräfteeinwanderungsgesetz (FEG) nicht herum – seit dem vergan- genen Jahr gab es dabei verschiedene Neuerungen. Seit November 2023 erhalten ausländische Beschäftigte leichter eine sogenannte „Blue Card“. Die soll dauerhafte Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland erleichtern. Seit diesem März gilt eine Rege- lung, mit dem Berufsabschlüsse inVerbindung mit Berufserfahrung leichter anerkannt werden können, und seit dem 1. Juni 2024 gibt es die sogenannte „Chancenkarte“. „Besonders wichtig ist die Chancenkarte, die es Menschen aus demAusland ermöglicht, in Deutschland einen Job zu suchen“, so Alexander Kritikos vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Früher war das nur begrenzt möglich, das ist ein wesentlicher Fortschritt.“ Ausländi- sche Fachkräfte können dadurch ein einjähriges Visum erhalten. Mit der DAB-Bescheinigung – die digitaleAuskunft zur Berufsquali- fikation – können ausländischeArbeitskräfte schon in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten, während dasAnerkennungsverfahren noch läuft. Ob das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz langfristig mehr Fachkräfte anlockt, ist noch unklar – viele Experten haben aber Zweifel. Um deutlich mehr Fachkräfte anzuwerben, braucht es aus der Sicht von Alexander Kritikos in dem Bereich eine „Verantwortungsum- kehr“. Damit meint er, dass Behörden die Verantwortung überneh- men sollten:Anstatt wie bisher bürokratische Prozesse an Unterneh- men oder Individuen auszulagern, sollen diese von den Behörden selbst so weit wie möglich erfolgreich umgesetzt werden. Um in Zukunft tatsächlich mehr Fachkräfte aus demAusland anzuwerben, müsse Deutschland außerdem daran arbeiten, welches Bild es nach außen vermittele – ausländerfeindliche Tendenzen in Politik und Gesellschaft hätten auf die Fachkräfte eine abschreckende Wir- kung.Auch andere Faktoren wie Bürokratie oder sozialer Anschluss werden von ausländischen Fachkräften eher negativ bewertet. Des- halb wird aktuell politisch immer wieder darüber diskutiert, wie Deutschland für sie attraktiver werden kann. Ein Vorschlag, der diesen Sommer für viel Aufsehen gesorgt hatte: Die Bundesregie- rung plant für Fachkräfte in ihren ersten Jahren in Deutschland Steuererleichterungen. Für Detailfragen stehen in den örtlichen IHKs An- sprechpartner zur Verfügung. Umfassende Informa- tionen gibt es hier: forcieren dafür von vornherein immer das beschleunigte Verfahren“, erklärt Frederik Mack, Direk- tor Human Resources. „Ein- fach, damit wir mehr Planungssicherheit haben.“ Trotzdem müsse man mit sieben bis zwölf Monaten Bearbeitungszeit rechnen. Während Mack die Zusammenarbeit mit den regionalen Ausländerbehörden als po- sitiv wahrnimmt, habe man gerade auf die Arbeit von Botschaften im Ausland wenig Einfluss. Er wünscht sich, dass im Bereich Fachkräfteanwerbung ein Stück weit mehr Verantwortung in die Hände der Unterneh- men gelegt wird – diese hätten selbst das größte Interesse daran, dass alles reibungs- los funktioniert. Aufgrund der bürokratischen Hürden - aber auch, weil eine Ausbildung eine gute Mög- lichkeit ist, das Leben in Deutschland ken- nenzulernen -, setzen viele Unternehmen eher auf die Rekrutierung von Azubis statt von bereits ausgebildeten Fachkräften. So beobachtet auch Ramona Shedrach von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, dass die Anerkennung von ausländischen Abschlüs- sen oft langwierig ist. Abschlüsse aus dem Ausland können auch teilweise anerkannt werden, im deutschen Betrieb sei dann nur noch eine Anpassungsqualifizierung nötig. Häufig seien die Menschen aus dem Ausland gut qualifiziert und es fehle eigentlich nur an Kleinigkeiten. Unternehmen, die gern Fachkräfte gewinnen wollen, und bereit sind, diese im Rahmen ei- ner Anpassungsqualifizierung anzustellen, können sich dafür beispielsweise für das Pi- lotprojekt „UBAconnect“ von „Unternehmen Berufsanerkennung“ registrieren, initiiert von der Deutschen Industrie- und Handelskam- mer und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks. Die Hotelfachauszubildende Cynthia ist inzwi- schen gut angekommen: Sie mag in Deutsch- land, dass es eine öffentliche Verkehrsinfra- struktur gibt und sie mit dem Zug verschiedene Orte erreicht. Auch dass sie als Frau offen ihre Meinung sagen kann, freut sie. Aber nicht alles nimmt sie positiv wahr: „Das Wetter mag ich wirklich nicht“, erzählt sie. Es sei viel zu kalt, aus ihrer Heimat ist sie ganzjährig Temperatu- ren zwischen 25 und 35 Grad gewöhnt. Auch an das Essen der Region musste sie sich erst gewöhnen. Nach ihrer Ausbildung will sie aber bleiben. Lisa Kuner

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