Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'24 -Südlicher Oberrhein
8 TITEL berg. „Gesundheitseinrich- tungen, Gastronomie und Hotellerie werben schon länger Kräfte aus dem Aus- land an, mittlerweile hat auch die Industrie das Potential erkannt“, sagt sie. Eine besonders erfolgreiche Initiative, mit der IHKs die Integration von ausländischen Auszubildenden fördern, sind dabei die so- genannten „Kümmerer“ – sie sollen ohne große bürokratische Hürden zwischen Zu- gewanderten, Unternehmen und Behörden vermitteln. Christiane Möller, Teamleiterin Fachkräfte Service bei der IHK Südlicher Oberrhein, erklärt: „Das Kümmerer-Projekt hilft jungen Menschen dabei, das duale Aus- bildungssystem zu verstehen.“ Vielen Men- schen aus dem Ausland seien eher Training im Job als ein dezidiertes Ausbildungssystem gewöhnt – mit dem Kümmerer-Projekt hel- fen die IHKs in Baden-Württemberg dann bei der Orientierung zwischen mehr als 350 Ausbildungsberufen, sie unterstützen bei der Suche nach Praktika und Ausbildungsplätzen und, falls nötig, auch bei dem einen oder anderen Behördengang. All der Aufwand lohnt sich aus ihrer Sicht: „Ausländische Jugendliche bringen viele Werte und Kern- kompetenzen mit, die bei den Unternehmen sehr gut angekommen“, weiß Möller. Oftmals brächten die Menschen einen hohen Res- pekt vor dem Arbeitgeber sowie viel Moti- vation anzupacken mit. Die IHK Hochrhein-Bodensee unterstützt junge Menschen bei der Ausbildungssuche unter anderem mit dem Projekt „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Zuge- wanderte“. „Ich gebe dort Menschen mit Mi- grationshintergrund Hilfe zur Selbsthilfe“, er- klärt Projektleiterin Hina Raza. Sie gibt Bewerbungstipps, berät dazu, wie Abschlüsse anerkannt werden können, und motiviert, Eigeninitiative zu zeigen. Unternehmen unterstützt sie bei rechtlichen Fragen und berät sie beispielsweise zu Fördermöglichkeiten zum Spracherwerb. „Weil Geflüchtete und Mig- ranten oft schon ein bisschen älter und reifer sind, können sie als Auszubildene ein echter Gewinn fürs Unternehmen sein“, meint sie. Aktuell ist Raza noch auf der Suche nach Unternehmen, die sich bereit erklären, aus- ländische Fachkräfte mit einer Anpassungs- qualifizierung weiterzubilden, Interessierte können sich dafür auf der Website der IHK Hochrhein-Bodensee registrieren. Sprachkenntnisse als Schlüssel zum Erfolg Wie gut die Integration der zukünftigen Fach- kräfte in deutsche Teams gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung in Deutsch- land sind aus Möllers Sicht vor allem aus- reichende Deutschkenntnisse: „Ein B2 oder ein sehr gutes B1 – sonst schaffen die Leute die Berufsschule einfach nicht.“ Aufgrund des wachsenden Fachkräftemangels gebe es aber auch immer wieder Unternehmen, die das nicht so eng sehen. Außerdem, so erklärt Möller: „Wie gut die Integration aus- ländischer Arbeitskräfte funktioniert, hängt maßgeblich vom Engagement der Betriebe ab.“ Ein Unternehmen könne nicht erwar- ten, dass alles genauso reibungslos verläuft, wie mit einem deutschen Azubi, der sowohl Ausbildungssystem als auch Kultur kennt. In solchen Situationen können Unternehmen auf die Beratung der IHK zurückgreifen. Die Erfahrung, dass Verständigung eine Herausforderung ist, macht auch Cynthia aus Indonesien: „Die Sprache ist wirklich schwierig.“ Inzwischen komme sie aber so- wohl im Hotel als auch in der Berufsschule gut zurecht. Bevor sie ihre Ausbildung star- ten konnte, hat sie sieben Monate Deutsch gelernt und die B1-Prüfung bestanden – die Voraussetzung für eine Ausbildung in Deutschland. Über eine Agentur fand sie dann ihre Ausbildungsstelle im Elztalhotel. Was Cynthia motiviert hat, nach Deutsch- land zu kommen? Hier könne sie eine solide Ausbildung machen und ihr eigenes Geld ver- dienen, sagt sie. Langfristig erhofft sie sich davon ein besseres Leben als in Indonesi- en. Neben der Sprache macht ihr manchmal Heimweh zu schaffen – Familie, Freunde und alles Gewohnte hat sie hinter sich gelassen. „Chapeau, was die Azubis aus Indonesien für ein besseres Leben auf sich nehmen“, sagt Cynthias Chefin Ulrike Tischer. Was sie und Tochter Julia allerdings nicht begeistert: der bürokratische Aufwand. Oftmals bekom- men die Azubis nur Visa für wenige Monate, Verlängerungen dauern lange und sind auf- wendig. Für das Hotel der Supergau: Wenn Arbeitskräfte wegen noch nicht ausgestell- ter Visa zwischenzeitlich nicht a r be i ten dürfen. „Das kommt im- mer wieder vor“, sagt Julia Tischer. Gerade in der Hochsaison sei das wirklich är- gerlich. Anerkennung weiterhin schwierig In der Vergangenheit hat das Elztal- hotel auch versucht, Fachkräfte mit Arbeitserfah- rung nach Deutschland zu holen – einmal bezahlte das Unternehmen sogar für ein be- schleunigtes Fachkräfteverfahren, um eine Frau aus Indien anzustellen. Gebracht hat das wenig, das Verfahren zog sich trotzdem so lang hin, dass das Visum der Frau ablief und sie ausreisen musste, bevor ihr Verfahren abgeschlossen war. Als „sehr frustrierend“ beschreibt Julia Tischer diese Erfahrung. Der Europa-Park Rust hat mehr Erfahrung und auch mehr Man- beziehungsweise Wo- menpower, um die Anerkennung von auslän- dischen Abschlüssen voranzutreiben. „Wir Anlagenführer Mohammad Etemadi ist zufrieden mit seinem Job in der Pulverbeschichtung. Im Elztalhotel hilft die ganze Familie bei der Integration von ausländischen Fachkräften.
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