Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'24 -Südlicher Oberrhein

55 9 | 2024 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Meinen Kunden ist es das Geld wert, das sind richtige Food-Junkies. Aber ich kenne Kollegen, die haben Angst, dass dann keiner mehr kommt. Das ist nicht einfach. Doch momentan verändert sich so vieles – ich denke, das kann eine Chance sein, sich neu zu orientieren. Es ist auch wichtig, den jun- gen Menschen Mut zu machen, etwas auf- zubauen. Viele wollen sich beispielsweise selbständig machen, trauen sich aber nicht, weil die Hürden so hoch sind. Da ist auch die Politik gefragt. Stichwort junge Menschen: Ihr Auszubil- dender Tim Siebeneich ist vom Dehoga bei den Landes- Jugendmeisterschaften des Gastgewerbes als bester Koch aus- gezeichnet worden. War seine Teilnahme Ihre Idee? Nein, er selbst wollte an den Meisterschaften teilnehmen. Ich bin da offen. Sind solche Wettbewerbe heutzutage sinnvoll, um die junge Generation zu moti- vieren und zu bestärken? Ich weiß nicht, ich glaube, man muss der Typ dafür sein und Tim ist so jemand. Mir zum Beispiel liegt das gar nicht. Manche mögen den Ansporn, aber für mich ist das kein Maß- stab. Aber ich bin stolz, es ist super für unser Haus. Und Tim hat der Erfolg gestärkt, von daher finde ich es wunderbar. Aber ein Muss sind Wettbewerbe für Sie nicht? Wissen Sie, ich bin eigentlich gerade daran, mich von vielen alten Systemen zu verab- schieden. Diese Leistungsgesellschaft, die- ses „müsste man“, „sollte man“, „das wird so gemacht“, das finde ich einfach schreck- lich. Jeder hat Qualitäten, man muss sie nur rauskitzeln. Ist dieser Leistungsgedanke vielleicht auch nicht mehr zeitgemäß? Die junge Generation hat andere Ansprüche. Die Leistung kommt von selbst, wenn derje- nige es gern macht. In den vergangenen Jah- ren wurden die jungen Leute dazu gedrängt, Abitur zu machen und zu studieren, und jetzt haben wir viel zu wenig Lehrlinge und Fach- kräfte. Dabei wäre manch einer glücklich ge- worden mit einer Lehre. Da könnte die Politik auch mehr tun. Eine Stelle in einer Sterneküche treten zu- meist Menschen an, die Ambitionen haben. Wie meistern Sie die Gratwanderung, Mitar- beiter zu halten, sie aber auch zu fördern? Tim zum Beispiel hat bei uns Restaurantfach gelernt und dann Koch und das macht ihm viel Spaß. Er ist seit bald fünf Jahren bei uns. Jetzt möchte er sich weiterbilden. Also habe ich bei Restaurants angerufen und besorge ihm eine neue Arbeitsstelle. Ich finde es auch für den Betrieb gut, wenn hin und wieder ein bisschen Wechsel ist. Das bringt frischen Wind und andere Mitarbeiter haben neue Möglichkeiten. Ich spreche einmal im halben Jahr mit allen darüber, wo sie hinwollen und was sie vorhaben. Es ist normal, wenn sich jemand verändern möchte. Und vielleicht kommt er danach wieder. Handeln Sie als Frau anders als Männer das tun würden? Ich glaube schon, dass Frauen anders führen als Männer. Sie sind feinfühliger, sprechen Dinge an, zum Beispiel wenn jemand müde aussieht. Ich glaube, es ist wichtig, jeden Mitarbeiter wahrzunehmen. Bei Männern sind Macht und Konkurrenz mehr im Fokus als bei Frauen. Aber vielleicht ist diese Un- terscheidung auch nicht mehr zeitgemäß. Interview: Susanne Ehmann

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