Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'24 -Südlicher Oberrhein
34 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 9 | 2024 INNOVATION uns im vergangenen Jahr zum perfekten Zeitpunkt be- gegnet, weil ich nach meinen Tätigkeiten, zum Beispiel als Vorstand, in die Selbstständigkeit gegangen bin. Wo liegen die großen Herausforderungen für KI in der Arbeitswelt? Staff: Da sind auf jeden Fall Daten, Datenverfügbarkeit und Datenqualität zu nennen. Denn alle KI-Algorithmen bauen ja auf Daten auf, die, etwa von Unternehmen, zur Verfügung gestellt werden. KI-Algorithmen trainieren mit diesen Daten und verbessern ihre eigene Leistung. Deswegen ist die Datenqualität enorm wichtig. Eine weitere Herausforderung ist das Thema Qualifi- zierung, Fähigkeiten und Kompetenzen - sowohl von Mitarbeitern als auch von Führungskräften. Durch KI kommt es zu signifikanten Veränderungen in Arbeits- prozessen, Unternehmensstrukturen, Führung und Zusammenarbeit. Aus diesem Grund braucht es erst einmal Grundlagenwissen, was KI bedeutet und wie Algorithmen arbeiten. Die Menschen sollen die Logik dahinter begreifen und ohne Ängste mit KI arbeiten können. Und Führungskräfte müssen den entsprechen- den Rahmen schaffen, damit KI sicher ausprobiert und die ersten Versuche gestartet werden können - auf dem Weg hin zu Routine und Sicherheit im Umgang mit KI. Wichtig ist außerdem, dass die Führung in einem Un- ternehmen ethische und rechtliche Fragestellungen klärt, um sicherzustellen, dass sich Menschen im Unternehmen auf Kontrollmechanismen berufen und darauf verlassen können, dass KI verantwortungsvoll eingesetzt wird. Groß: Ich möchte das noch ein wenig zuspitzen: Es ist wirklich ein Lernprozess, dass Menschen und Ma- schinen sich als Kollegen und nicht als Gegner be- greifen. Man muss lernen, der Maschine einerseits zu vertrauen, andererseits eine durchgängig kritische Perspektive darauf richten. Denn KI kann auch nega- tive Ergebnisse produzieren, einige Beispiele nennen wir in unserem Buch. Negative Beispiele und Mängel sind allerdings Teil des Lernprozesses. Und bei all dem darf man auch nicht vergessen, dass KI letztlich von Menschen gemacht ist. Wie offen sind Arbeitgeber für den Einsatz von KI? Und in welchen Bereichen? Groß: Es gibt Arbeitgeber, die sind sehr, sehr offen. Das erlebe ich gerade bei klassischen Mittelständlern. Und dann gibt es Arbeitgeber, die schon die Copilot- Funktion, eine Assistentenfunktion von Microsoft, die etwa Inhalte zusammenfasst oder Texte schreibt, als Spielerei bezeichnen und KI prinzipiell als unsichere Geschichte sehen. Wichtig ist, wo KI ansetzt: Die Assistenzfunktion zum Beispiel wird bei Basis- und Unterstützungsprozes- sen eingesetzt. Interessant wird es dann, wenn es um Geschäftsprozesse und -modelle geht, also KI auf strategischer Ebene eingesetzt wird. Bislang sind wird hauptsächlich auf unterer Ebene unterwegs und noch sind Unternehmen eher zurückhaltend, wenn es um die wirklichen Kerngeschäftsprozesse geht. Dahin zu kommen, wird noch ein interessanter Prozess werden. Staff: Das Thema KI hat eine Breitenwirkung. Wir beschäftigen uns ja auch im privaten Umfeld damit, Stichwort ChatGPT. Dadurch gibt es auch einen gewis- sen Druck aufs Unternehmen, weil die Menschen es einfach ausprobieren, das lässt sich nicht vermeiden. So ist es mitunter gar keine Grundsatzentscheidung der Unternehmen selbst, KI einzusetzen, sondern es passiert unterschwellig über die Menschen selbst. Groß: Das ist ein super wichtiger Punkt, vor allem mit Blick auf Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiter- bindung. Denn für die jüngere Generation könnte es abschreckend sein, wenn ein Unternehmen keine KI einsetzt und prinzipiell eher zurückhaltend ist. Entwe- der sind sie dann schnell wieder weg oder kommen erst gar nicht ins Unternehmen. Oder denken Sie ans Thema Recruiting: Geht das nicht einfach und schnell innerhalb weniger Minuten, am besten per App, ist die jüngere Generation raus. Hier gibt es viele Ansätze, sowohl zum Vorteil der Bewerber als auch der Unter- nehmen. Was sind die drei größten Unterschiede zwischen der Arbeitswelt von vor zehn Jahren und der heuti- gen im KI-Zeitalter? Staff: Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist der Wirkungsrad. In Sachen Digitalisierung sind wir ja schon seit fast 20 Jahren unterwegs. Jetzt betreffen KI-Lösungen aber grundsätzlich alle Branchen und alle Funktionsbereiche im Unternehmen. In der Vergangen- heit haben wir Speziallösungen in der Digitalisierung ausgewählt, um einen bestimmten Bereich, etwa Ein- kauf oder Human Ressources zu optimieren. Heute aber wirkt KI in der Breite. Außerdem sind erstmals Büroangestellte betroffen, vor allem auch die mit hö- heren Qualifikationen. Früher waren es dagegen häufig technische Angestellte, die mit Robotik und Automati- sierung von Digitalisierung betroffen waren. Der zweite Punkt ist die tiefgreifende Veränderung der Arbeitsstrukturen und des Ablaufs durch den Einsatz von KI. Rollen und Aufgaben verändern sich massiv, es kommt zum großen Umbau von Jobs innerhalb kurzer Zeit. Studien rechnen damit, dass innerhalb von fünf Jahren jeder vierte Büroarbeitsplatz davon betroffen sein wird. Das ist eine große Wirkung im Vergleich zu einer „normalen“ Digitalisierung. Und das Dritte ist, dass IT ja bisher als Werkzeug ange- sehen wurde. Jetzt aber verschmelzen KI-Lösungen im- mer mehr mit der menschlichen Arbeit. Das heißt: KI ist nicht länger ein Tool oder ein Werkzeug, sondern „sitzt mit am Tisch“, ist Bestandteil des Teams, Bestandteil meiner Arbeit, Pendant. Mein Copilot ist plötzlich auf Augenhöhe mit mir unterwegs, quasi als Partner. »Wichtig ist, dass sich Unternehmen auf Innovationssprünge vorbereiten« MICHAEL GROSS ... ist Herausgeber des Buchs und Honorarprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dort unterrichtet er zum Themengebiet Orga- nisation und Führung im di- gitalen Zeitalter. Außerdem ist er Autor von zahlreichen Sach- und Fachbüchern. Bekannt wurde der ehema- lige Profi-Schwimmer in den 80er-Jahren als „Albatros“ – mit insgesamt 21 Titel- gewinnen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europa- meisterschaften.
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5