Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'24 -Südlicher Oberrhein

10 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 9 | 2024 SCHWERPUNKT Das Wort Blackout gehört selbst bei Zei- tungen wie dem Handelsblatt mittlerweile zum täglichen Vokabular. Wie beurteilen Sie die Netzstabilität? Joachim Plesch: Die Netzbetreiber haben die vergangenen zehn Jahre – bewusst oder unbewusst – schlichtweg verschlafen. Sie haben nur wenige notwendige Investitionen in die Netze getätigt und nun stehen viele vor der Aufgabe, die neuen Energiequellen zu integrieren und sind heillos überfordert. Allerdings ist das auch ein Versäumnis der Politik, da gerade ab 2012 von der damaligen Regierung die Vollbremsung beim Ausbau der erneuerbaren Energien regelrecht gefeiert wurde. So hatten auch die Netzbetreiber nicht unbedingt Klarheit, wohin es geht. Und ja, wahrscheinlich kann es an einigen Stellen im Netz Probleme geben, die es aber jetzt auch schon ohne einen noch größeren Photovoltaik-Ausbau gibt. Ich sehe das als nicht so drastisch. Wobei natürlich der Netz- ausbau gepaart mit dem Ausbau dezentra- ler Speicher dringend notwendig ist für die Energiewende. Aber sorry, da müssen alle Beteiligten jetzt ein- fach mal aufwachen und was tun. Und wenn zuviel Leistung von Erneuerbaren zugebaut wird, dann haben die Netzbetrei- ber ja immer noch die Möglichkeit, im Rah- men ihrer Netzver- träglichkeitsprüfungen darauf zu reagieren. Es kann nicht sein, dass wir aus Rücksicht darauf, dass mal wieder ein paar Bürokraten Däumchen drehen und erschrecken, wenn es etwas zu tun gibt, die Energiewende um sie herumplanen. Schlussendlich gehen aber alle Projekte, die ich bei Unternehmen derzeit sehe, in die Richtung, auch mit Speichern möglichst viel des Stroms selbst vor Ort zu verbrauchen, so dass auch wenig Netzlast entsteht. Gorfion Green Energy nutzt die Dachflä- chen von Unternehmen für die Erzeugung von Photovoltaikstrom, weil diese sich die Investition entweder nicht leisten können oder nicht wollen – Solar as a Service. Sind die Unternehmen unsicher, ob und welche Maßnahme die richtige ist? Plesch: Richtig. Das hängt damit zusammen, dass die Energiewende absolut nicht gut kommuniziert wurde. Leider setzt sich das augenblicklich weiter fort, weil die Regierung im Rahmen ihrer Haushaltseinigung angekün- digt hat, die Einspeisevergütung abzuschaf- fen und durch einen Investitionszuschuss zu ersetzen. Allerdings ohne zu erklären, wie das alles funktionieren soll. Damit ist eben die Planbarkeit dahin. Gefährdet das Ihr Geschäft? Plesch: Wir haben für unser Business kei- ne Bedenken, weil die Veränderung, die wir unterstützen, einfach stattfinden muss. Ich komme selbst aus dem Mittelstand und ich sehe sehr klar, unter welchem Druck die Unternehmen stehen – auch wenn manche das noch gar nicht erkannt haben. Es gibt noch viel zu viele Dachflächen ohne Photo- voltaik. Das war es, was bei meinem Freund und Kollegen Sebastian Pingel und mir einen Denkprozess ausgelöst hat. Wir haben gese- hen, dass das Thema Energieerzeugung nicht zum Kerngeschäft der Unternehmen gehört, aber ihren Kern sehr heftig berührt. Dazu kommt: Ein 20-Mann-Fertigungsbetrieb hat selbst ganz selten eine Expertise in Sachen Photovoltaik und oft auch nicht das Kapital, solch eine Investition zu tätigen. Hier bieten wir einen Ausweg. Sie treten dabei in Konkurrenz zu den Energieversorgern. Plesch: Teilweise. Wir bieten einen On-Site- PPA an. Ein PPA ist ein Power Purchase Ag- reement, eine Stromkaufvereinbarung. Wir INTERVIEWPARTNER Joachim Plesch ist neben Sebastian Pin- gel Gründer und Geschäftsführer der Gorfion Green Energy GmbH in Kons- tanz. Plesch ist Wirtschaftswissenschaft- ler mit Erfahrung im Maschinenbau für Solarzellenherstellung. Pingel ist Dipl.- Physiker und PV-Anlagen-Spezialist mit Erfahrungen beim Fraunhofer ISE und dem Helmholtz Zentrum. »Ich weiß, unter welchem Druck Unternehmen stehen« Interview Joachim Plesch »Energieerzeu- gung gehört nicht zum Kerngeschäft der Unternehmen, berührt aber ihren Kern sehr heftig« Bild: Moritz Högemann Die Energiewende läuft – aber nicht schnell genug. Auch nicht im Südwesten. Über Bremsen und Beschleuniger beim Ausbau des Solarstroms hat WiS-Autorin Doris Geiger mit Joachim Plesch gespro- chen. Der Konstanzer Unternehmer hat mit der Gorfion Green Energy GmbH nicht nur ein Angebot entwickelt, das Unternehmen den Umstieg auf die Erneuerbaren erleichtern soll. Mit dem Netzwerk „solarLago“ will er den Landkreis Konstanz auch zu einer Vorzeigeregion hinsichtlich erneuerbarer Energien machen.

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