Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'24 - Hochrhein-Bodensee
-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 9 | 2024 SCHWERPUNKT Wichtig sind laut der Studie aber außerdem, die Aus- und Weiterbil- dung von Fachkräften, Elektrifizierung in Unternehmen sowie die Di- gitalisierung zur effizienten Energienutzung. Auch wenn noch viel zu tun ist, Fischer sieht Fortschritte: „Legislativ hat sich zuletzt einiges getan.“ Ein Beispiel: In diesem Jahr ist mit den Klimaschutzverträgen ein ganz neues, politisches Förderinstrument für Unternehmen an den Start gebracht worden. Durch die Verträge will die Bundesre- gierung Unternehmen bis zu 15 Jahre lang anfallende Mehrkosten erstatten, wenn sie auf eine klimafreundliche Produktion umstellen. Aktuell läuft dafür die zweite Gebotsrunde, dabei liegt ein besonde- rer Fokus auf Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO 2 (Carbon Capture and Utilization bzw. Carbon Capture and Sto- rage, CCUS-Technologien). Auch an anderer Stelle tut sich was: Für einen schnelleren Ausbau von N Leitplanken gelegt und Smart Meter sollen nun schneller ausgerollt werden, um elektrische Energie flexibler zu nutzen. Auch Unternehmen selbst können einiges tun, damit die Energiewende für sie zum Vorteil wird: dewils von der Stiftung Klimawirtschaft betont vor allem den Eigenausbau von Solar: „Solaranlagen in Kombinationen mit Speichern sind viel günstiger ge worden, als man noch vor ein paar Jahren gedacht hätte“, erklärt er. Für Unternehmen jeder Größe könne es aus seiner Sicht darum Sinn machen, in eigene Energieerzeugung zu investieren und Strom zwi- schenzuspeichern – damit könnten viele schon einen großen Teil des Jahres ihren Verbrauch decken, auch wenn die Sonne nachts oder an regnerischen Tagen nicht so viel Energie liefert (siehe auch Interview ab Seite 8). Und es gibt Unternehmen, die da vorangehen – auch im Südwesten: So stellt beispielsweise der Hersteller von Bade- und Pflegeanla- gen Trautwein in Emmendingen etwa 190.000 kWh/Jahr her – und damit weit mehr als das Unternehmen benötigt. Im westfälischen Blomberg produziert der Elektronik-Hersteller Phoenix Contact in seiner Fabrikhalle „Gebäude 60“ sogar völlig energieautark – durch Sektorenkopplung wird doch auch Mobilität und Wärme aus Solar- Auch in der externen Beschaffung von Elektrizi- tät gibt es Möglichkeiten: Zukünftig könnten sogenannte Power Purchase Agreements Unternehmen wieder spannender werden, glaubt KlimaWirtschaft-Chef odewils. Die Lieferverträge für grünen Strom könnten an das Lastenprofil von nternehmen angepasst werden und da- mit langfristig auch regionale Belieferung absichern. Lisa Kuner Herausforderung Strommarktdesign und Netzausbau: Strom im Süden bald teurer als im Norden? Aktuell müssen vor allemWindkraftan- lagen oftmals abgeriegelt, also zeitweise heruntergefahren werden, weil das Stromnetz produzierte Strommengen nicht transportieren kann. Außerdem entstehen zusätzliche Kosten, weil vor- handener Strom nicht regional effizient genutzt wird. In der Realität heißt das: Wenn es im Norden stark windet, steht theoretisch viel Strom zur Verfügung und der Preis für die Kilowattstunde sinkt – in ganz Deutschland. In der Praxis kann der günstige Strom aufgrund mangeln- der Kapazitäten in den Übertragungsnet- zen aber nicht aus Norddeutschland in den Süden transportiert werden. Statt- dessen werden in Süddeutschland teure Gaskraftwerke hochgefahren, um den hohen Strombedarf zu decken (Redis- patch-Maßnahmen). Diese Maßnahmen haben im vergangenen Jahr Kosten von rund 200 Millionen Euro monatlich verursacht, rechnet Strommarkt-Experte Fabian Huneke vom Thinktank Agora Energiewende. Um diese Kosten zu reduzieren, gibt es Plä- ne, Deutschland in verschiedene Strompreis- zonen einzuteilen – um das Verhältnis von Angebot und Nachfrage nach Strom besser abzubilden. Berechnungen gehen davon aus, dass der Strom dann in Süddeutschland teu- rer wird als im Norden, wo Erneuerbare mehr günstigen Strom produzieren. Politiker sowie Industrievertreter in Bayern und Baden-Würt- temberg sehen dadurch den Standort gefähr- det und stellen sich gegen die Probleme. Nichthandeln ist keine geeignete Option Agora-Fachmann Huneke sieht das weniger kritisch und verweist auf die potenziellen systemischen Vorteile: „In Summe senken Effizienzgewinne durch Strompreiszonen Netzkosten“, meint er. „Es ist aber eine andere Frage, wie viel Effizienzgewinn bei der süddeutschen Industrie ankommt.“ Und: Nichthandeln ist aus seiner Sicht auch keine geeignete Option, denn die ineffizi- ente regionale Nutzung mache den Strom ebenfalls teuer. Er ist aber auch davon überzeugt, dass der Effekt von Strompreiszonen in der Diskus- sion überschätzt wird. Die geplante Reform der Netzentgelte hätte vermutlich einen größeren Einfluss auf den Strompreis als eine Einführung von verschiedenen Preis- zonen. Aktuelle Modellierungen gehen im Schnitt nur von daraus resultierenden Preis- schwankungen von einem halben Cent nach oben oder unten aus. Wann und ob eine Einteilung in Strompreiszonen kommt, steht noch nicht fest – eine Entscheidung dazu hängt auch von der Europäischen Union ab. Bild: Adobe Stock–vencav; Adobe Stock–AnaNas
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