Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'24 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

56 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2024 PRAXISWISSEN dem Freiburger Bahnhof einen Standort ge- wählt, der auch ohne Auto bestens zu errei- chen ist. Zwar sei auch als vorherige Büro in der Altstadt gut zu erreichen gewesen, räumt Müller ein. Bei der Wahl der neuen Räum- lichkeiten habe man auf diesen Faktor aber besonders großen Wert gelegt. Randnotiz: Über die Förderung des umwelt- freundlichen Pendelns hinaus belohnt die Geops GmbH auch Mitarbeiter, die privat aufs Fliegen verzichten, mit drei zusätzlichen Urlaubstagen pro Jahr. „Der symbolische Aspekt steht hier im Vordergrund“, erklärt Müller. Kontrolliert werde nicht. Dennoch: Individuelle Bemühungen, etwas für die Umwelt zu tun, erfahren auf diese Art eine Wertschätzung durch den Arbeitgeber, die weit über Lippenbekenntnisse hinausgehen. Fahrgemeinschaft statt Familienkutsche Beim Pharmaunternehmen Regenold mit Sitz in Badenweiler ist das nachhaltige Pendeln der Mitarbeiter eng mit der privaten Mobilität von Geschäftsführer Maximilian Regenold verbunden: 2022 hat er den familieneigenen VW-Bus kurzerhand als Vehikel für eine Fahr- gemeinschaft umfunktioniert. Im Wechsel mit Kollegen sitzt der Chef selbst am Steuer, um täglich sechs Mitarbeiter von Freiburg aus zum 35 Kilometer außerhalb gelegenen Firmensitz zu chauffieren. Statt sechs Privat- Pkw bewegt sich so nur noch ein einziges. „In unserem konkreten Fall ist es nicht ganz einfach, mit öffentlichen Verkehrsmitteln verlässlich von Freiburg nach Badenweiler zu kommen“, begründet GF Regenold seine Idee von damals. Im Oktober 2023 hat er den Bus dann aus- rangiert - mit 300.000 Kilometern auf dem Buckel -, um die unternehmenseigene Fahr- zeugflotte komplett zu elektrifizieren. Seit- dem pendelt er mit einem Mercedes EQV zur Arbeit, der mit Ökostrom aus einer La- desäule am Firmengebäude betrieben wird. Zwischenfazit von Max Regenold: „Das Ganze trägt sich nur, wenn die Kollegen mitmachen.“ Immerhin gäben diese ein Stück Selbststän- digkeit auf: Spontan eine Überstunde zu ma- chen, das geht dann nur mit dem Laptop auf dem Schoß oder im Homeoffice. Vieles ist möglich! Es ist also Flexibilität gefragt, wenn es dar- um geht, Mitarbeitermobilität neu zu denken. Die Nachfrage beim Ökostromanbieter EWS Schönau zeigt, wie eng das Thema mit den Veränderungen der digitalen Arbeitswelt ver- knüpft ist. Nachhaltigkeitsmanager Christian Krause zählt zahlreiche Mobilitäts-Features auf, die sein Unternehmen verwirklicht: Car- Sharing, Jobrad-Leasing, überdachte Fahr- radstände, auch die Fahrzeugflotte ist zu etwas mehr als 50 Prozent elektrifiziert. Er geht aber noch weiter: Krause selbst ist nur einmal im Monat vor Ort im Schwarzwald, den Rest der Arbeitszeit bestreitet er aus dem Homeoffice in Nürnberg. „Wenn man will, ist vieles möglich“, weiß Krause. Man müsse nur das Mindset etwas verändern. So sei es beispielsweise nicht für jeden Mitar- beiter und jede Firma eine Option, Teile der Arbeitszeit in die Fahrtzeit in Bus und Bahn zu verlegen. „Das ist sicher eine Typ-Frage.“ Aber warum soll ein Unternehmen nicht An- reize schaffen, Push- und Pulleffekte realisie- ren? Etwa über Zuschüsse zur BahnCard50, die Beschäftigte auch privat nutzen können (pull = ziehen). Umgekehrt können speziell Firmen mit großer Belegschaft Parkflächen einsparen (push = drücken). Und: Wer nur ein wenig von der liebgewonnenen Individualität abgibt, könne viel hinzugewinnen. Stichwort soziale Nachhaltigkeit. „Mitfahrgelegenhei- ten werden immer noch unterschätzt“, sagt Krause. Diese einzurichten, koste in der Re- gel nicht viel. „Auch E-Fahrzeuge verbrau- chen Energie, und die kommt noch viel zu selten von der eigenen PV-Anlage.“ Aktuell erprobt er für die EWS eine Mitfahrer- App, die auch weitere Unternehmen aus dem Initiativkreis Oberes Wiesental nutzen sollen. „Wir wollen keine Insellösung, die Firmen sol- len die gleiche Plattform nutzen.“ So können auch im Schwarzwald weitere Unternehmen Mitarbeitermobilität klimaschonend organi- sieren und dazu beitragen, den viel zu großen Kuchen der deutschen Verkehrsemissionen kleinzukriegen. Benedikt Brüne Bilder: adobe-Stock - Cansu; Adobe Stock - lembergvector, Montage Freiburger Druck MobilSiegel als Anreiz Seit 2021 vergibt die Freiburger Verkehrs AG im Auftrag der Stadt Freiburg gemeinsam mit den Landkreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald das "MobilSiegel". Mehr als 80 Unter- nehmen sind bislang für die Um- setzung konkreter Maßnahmen für nachhaltige betriebliche Mobilität ausgezeichnet worden. Darunter übrigens auch die Regenold GmbH und die Geops GmbH.

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