Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'24 -Südlicher Oberrhein

26 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 5 | 2024 A us der Lehrstelle ist längst eine Leer- stelle geworden: Allein in 2023 blieben in Baden-Württemberg 29.000 Ausbildungs- plätze unbesetzt. Die Lösung kann nicht in altersgerechten Kampagnen liegen, sondern darin, dass potenzielle Auszubildende ins de- mografiegebeutelte Deutschland geholt wer- den. So geschehen durch die Metzgerinnung im Landkreis Lörrach. Dort starteten in 2022 die ersten 13 indischen Metzgerlehrlinge, im Herbst 2023 waren es schon 27. „ Dieses Beispiel ist schon so etwas wie eine Blaupau- se für uns“, erklärt Simon Kaiser, der vor ein paar Wo- chen gerade zurück kam aus Indien – ein Vor-Ort-Termin im Dienste der IHK bezie- hungsweise im dem der Unternehmen, die dringend junge Menschen für nicht besetzte Lehrstellen finden müssen. Der Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der IHK Südlicher Oberrhein sieht das Projekt weit entfernt vom „Guerilla-Recruiting“, hätten Länder wie Indien doch eine völlig andere demografische Entwicklung, die augenblick- lich noch nicht synchronisiert sei mit einer sich sichtbar im Durchstarten befindenden Wirtschaft. Simon Kaisers Indien-Besuch ist die Fortset- zung einer ersten Rekrutierungskampagne der IHK in Marokko. Dort wurden jetzt elf Auszubildende angeheuert, auf die vier Un- ternehmen aus dem Kammerbezirk warten. Sie werden in metallverarbeitenden Berufen ausgebildet, um ihre Unterbringung kümmern sich die Betriebe. „Wir haben bei diesem Pro- jekt auf ein bereits laufendes binationales Ab- kommen zwischen Deutschland und Marokko zurückgegriffen“, erläutert Simon Kaiser, der hinzufügt: „Die Außenhandelskammer in Ma- rokko übernahm die Rekrutierung, die jungen Menschen, die in der Regel älter als 20 Jahre sind, machen vor Ort einen Deutschkurs am Goethe-Institut. Manche von ihnen bringen bereits berufliche Vorkenntnisse mit, die sie im marokkanischen Bildungssystem, das dem französischen Modell sehr ähnelt, er- worben haben.“ A sylmigration versus Erwerbsmigration Simon Kaiser ist sich darüber im Klaren, dass die Rekrutierung ausländischer Auszubilden- der vor Ort manchen Menschen unlogisch erscheinen mag, sind doch ohnehin sehr viele Flüchtlinge – unter anderem aus afrika- nischen Staaten beziehungsweise dem Ma- ghreb – bereits in Deutschland. „Man muss hier sehr klar zwischen Asylmigration und Erwerbsmigration unterscheiden. Wir haben auch viele Flüchtlinge in Ausbildung, und das ist auch gut so. Die Bürokratie drumherum ist aber vergleichsweise aufwändig. Sowohl vor der Ausbildung als auch dann, wenn es nach der Abschlussprüfung um eine Übernahme in Beschäftigung geht. Dass zum Beispiel eine Ausbildungsduldung keine Arbeitserlaubnis ist, ist für den Laien erklärungsbedürftig und sorgt in der Praxis oft für Frust. Die Fach- kräftelücke ist so groß, dass es nicht um die Frage geht ‚Flüchtlinge oder Auslandsrekru- tierung‘“ erläutert Kaiser. Vielmehr gehe es darum, Flüchtlinge zügig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sofern keine Abschiebung im Raum steht. Hier steht laut Kaiser der huma- nitäre Aspekt im Vordergrund. Gleichzeitig bestehe ein volkswirtschaftliches Interesse, diese Menschen in Arbeit zu bringen. „Bei unseren Projekten mit Marokko und Indien geht es nicht um Flucht, sondern darum, dass wir gezielt und an unseren Bedarfen orien- tiert Menschen anwerben, deren Motivation darin besteht, sich hier ein besseres Leben zu erarbeiten und die in Vorleistung gehen, indem sie und ihre Familie in das Erlernen der deutschen Sprache investieren. Das eine tun und das andere nicht lassen, ist also die Antwort“, zeigt sich Simon Kaiser überzeugt. E rfahrungen sammeln Nicht zuletzt deshalb sehen der IHK-Exper- te und mit ihm auch die Unternehmen auf Azubi-Suche die Auslandsrekrutierung als einen zielführenden Lösungsansatz. „Wir sammeln augenblicklich mit unserem Ma- rokko-Projekt und dann mit dem im Herbst folgenden Indien-Projekt Erfahrungen und bauen Expertise für unsere Mitglieder auf. Es ist wichtig, dass wir Pfade aufzeigen können, die dann auch skalierbar sind, denn natürlich retten elf Azubis aus Marokko nicht unseren Ausbildungsmarkt“, erläutert Simon Kaiser. In der Tat: 29.000 offene Lehrstellen sind eine Hausnummer und ein wichtiger Faktor in der Bewältigung des Fachkräftemangels. „Denn dem“, so Simon Kaiser, „können Un- ternehmen auch nur begegnen, wenn sie die fehlenden Menschen selbst auf dem gewohn- ten Niveau ausbilden“. Doris Geiger IHK Südlicher Oberrhein hilft, Lehrlinge im Ausland zu rekrutieren Salam aleikum, Ihr Auszubildenden aus Marokko Vertreter der Handwerkskammer (HWK) und der IHK zu Besuch in Indien – im Bild auch der Ende März verstorbene HWK-Präsident Johannes Ullrich (vorn, 3. von rechts) Bild (oben): Adobe Stock/BornHappy Simon Kaiser, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung bei der IHK Südlicher Oberrhein

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