Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Januar'24 -Südlicher Oberrhein
51 1 | 2024 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Deutschland und Frankreich, tagt die Versammlung. Der Politiker lobte den bereits im Aachener Vertrag festgelegten Laborcharakter deutsch-französischer Grenzregionen. „Es gibt hier einige Experi- mentierklauseln, die wir jedoch noch nicht genutzt haben.“ Diese seien gut und sinnvoll, um Gesetzgebungen erst „aufzubohren und dann auszuweiten“. Gerade auf dem Arbeitsmarkt sieht der Experte an dieser Stelle „Bedarf und Möglichkeiten“. So sei ein „Präquali- fizierungsverfahren“ für die Entsendung deutscher Mitarbeitender nach Frankreich derzeit im Gespräch, um die aktuell sehr bürokrati- schen Regelungen zu vereinfachen. Bury: „Spätestens in der ersten Sitzung im Jahr 2024 wird das in der Deutsch-Französischen Parla- mentarischen Versammlung thematisiert werden. Und damit wird es auch zum Arbeitsauftrag für die beiden nationalen Parlamente.“ Dass der französische Staat seit dem im Juli 2023 unterzeichneten deutsch-französischen Abkommen über die grenzüberschreitende Berufsausbildung die Kosten für die Berufsschule der Schülerinnen und Schüler trage, sei „nicht selbstverständlich“. – „Das ist ein Zeichen, dass es der französischen Regierung wichtig ist.“ Dies- seits des Rhein, so Burys Feststellung, würde das Verständnis für diese Themen „mit jedem Kilometer von der Grenze entfernt weiter verloren gehen“. Die Wirtschaft immer mit ins Boot holen Jean-Luc Heimburger, Präsident der CCI Alsace Eurométrople und Sprecher der Säule Wirtschaft der Trinationalen Metropolregion Oberhein, kurz TMO, mahnte: „Nehmt die Wirtschaft mit bei Euren Überlegungen!“ Urs Grütter, Vizepräsident der Handelskammer beider Basel, erkannte, wie Bury für Deutschland und Frankreich, auch für die Schweiz gewisse Verständnisprobleme: „Von Basel nach Bern ist es nicht so weit. Aber dazwischen ist der Jura, was es nicht leichter macht.“ Beim Thema Mobilität betonte Martin Dätwyler, Direktor der Han- delskammer beider Basel, wie enorm wichtig das S-Bahn-Netz für die Trinationalität der Region sei. Den Arbeitsmarkt in der TMO nahm sich anschließend Andrea Wagner, BAK Economics AG, vor. Sie nannte Fakten und Zahlen zur Region. Wagner, selbst Grenzpend- lerin, informierte über die „wohlhabende, wachsende, dynamische Wirtschaftsregion, in der der Fachkräftemangel unübersehbar sei.“ Zur Frage, welche Lösungen es gegen den Fach- und Arbeitsmangel gebe, betonte die Expertin: „Inzwischen sind auch die Unternehmen gefordert, ihre Attraktivität gegenüber potenziellen Mitarbeitenden zu steigern. Sie müssen die Bedürfnisse derer befriedigen, die sie haben wollen.“ Von der Politik verlangte Wagner, dass sie die Rah- menbedingungen setze. Neue Mitarbeiterkreise erschließen Claudius Marx, Hauptgeschäftsführer der IHK Hochrhein-Bodensee, sah beim Kampf um Fachkräfte die Antwort nicht in der Steigerung der Arbeitgeberattraktivität. „Das ist keine volkswirtschaftliche Strategie.“ Wenn eine Ressource knapp sei, gebe es eben nur zwei Möglichkeiten: „Die Erschließung anderer Quellen oder ein bes- serer Umgang mit den vorhandenen Ressourcen.“ Zwar seien die Industrie- und Handelskammern mit ihren Ausbildungsberufen die Gewinner bei den Studienabbrechern, doch herrsche hier eben eine Ineffizienz. Wolfgang Grenke, Präsident der IHK Karlsruhe, sah bei der Lösung des Fachkräfteproblems Unterstützung durch Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit nach Mutterschutz und Elternzeit wieder auf 100 Prozent anheben könnten. „Vielleicht sollte man an dieser Stelle überlegen, Hilfskräfte aus dem Ausland zu holen, um bei der Hausarbeit zu unterstützen.“ Bei der Vorstellung der TMO führte Philippe Fraunhofer, Koordinator der Säule Wirtschaft der TMO, aus, welch großes Potenzial das Feld der Gründungen und Start-ups am Oberrhein bieten würde. Fraunho- fer: „Das sind die Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen. Das sind die, die von Anfang an grenzüberschreitend denken.“ Frank Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts, bilde- te mit seinem Vortrag den Abschluss und stellte das Paradoxe der Region heraus: „Der Lebensraum funktioniert, ist mit hier wohnen, drüben ins Nachtleben, drüben leben, hier einkaufen Lebensreali- tät.“ Kollisionen gebe es allerdings doch, ob auf dem Arbeitsmarkt oder beim Planungsrecht. Gerade hier gelte es, mit einer Stimme zu sprechen. Natalie Butz Eberhard Liebherr, Präsident der IHK Südlicher Oberrhein, begrüßte als Gast- geber in Lahr die Kollegen von beiden Seiten des Rheins. Bild: Michael Bode
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