Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Januar'24 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
59 1 | 2024 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten PRAXISWISSEN oder Fotos – die Motive müssen zum Unternehmen passen, möglichst etwas Spannendes, Modernes oder eben Freches, das idealerweise die Menschen abbildet, die dort arbeiten. Also bitte keine eingekauften Fotos, man sieht den Unterschied sofort. Wäre der rappende Geschäftsführer, der sein Team vorstellt, also genau richtig? Wenn der Chef, im positiven Sinn, wirklich so durchge- knallt ist, also vielleicht Inhaber eines Start-ups aus der Medien- oder Werbebranche ist, dann funktioniert das. Aber nur dann. Es muss eben passen und authentisch sein. Lächerlich wird es immer dann, wenn sich die Vorgängergenerationen wie die Zett-ler verhalten. Das galt schon in unserer Pubertät für unsere Eltern. Das heißt, wenn jemand rappt, dann bitte nicht der Chef, sondern ein Gleichaltriger. Hätten Sie ein Beispiel für eine gelungene Anzeige? Ich habe eine Anzeige in Erinnerung, die einen nack- ten Maler von hinten zeigt. Darunter hieß es: „Bei uns bekommst Du alles, auch Arbeitskleidung“. Oder der Dachdecker, der mit seinem Azubi auf dem Dach sitzt und in einer Sprechblase steht: „Wie bekomme ich in fünf Jahren Ihren Job?“ Das ist frech und trotzdem weiß jeder, dass es lustig gemeint ist. Es muss eben einfach passen. Welche Informationen wollen die Zett-ler in einer Stellenanzeige bekommen, was muss drinstehen? Aus meiner Sicht sind es vier Bausteine, die von Be- deutung sind. Weit oben steht die Sinnhaftigkeit: Wie wichtig ist diese Stelle? Welche Bedeutung habe ich dann, wenn ich die Stelle ausfülle? Welches Zahnrad bin ich in dem großen Getriebe? Als Zweites die Wert- schätzung, die ganz wichtig ist für die junge Generation: Wie ist das Miteinander? Was tut der Chef, um meine Arbeit wertzuschätzen? Gibt es Team-Events oder eine Einführungswoche für Azubis? Gibt es Unternehmungen nach der Arbeit? Soziale Kontakte sind ein wichtiges Argument für die Generation Z, die coronageprägt ist. Und dann haben wir die Arbeitsmodelle. Eine Genera- tion Z sucht schon danach aus, wo sie freitags frei hat oder im Homeoffice arbeiten kann. Als vierten Baustein die Perspektiven: Wie werde ich individuell gefördert? Wie zukunftssicher ist das Unternehmen? Azubis wollen wissen, wie es später mit der Übernahme aussieht. Wichtige Kriterien für die Gen Z sind außerdem moder- ne Arbeitsmaterialien oder die Erreichbarkeit des Un- ternehmens, weil sie immer weniger einen Führerschein hat. Was aus Platzgründen nicht in die Stellenanzeige passt, kann mit einem Link auf Social Media oder auf der Webseite ausführlicher ausgeführt werden. Spielt das Gehalt denn gar keine Rolle mehr? Sie nennen es gar nicht. In einer Stellenanzeige aus der Gesundheitsbranche stand mal: „Komm zu uns, bei uns verdienst Du mehr“. Darauf reagiert keiner aus der Generation Z, sondern fragt sich eher, wie viele Wochenenden er dafür opfern muss. Seit Corona ist Geld zwar wieder etwas wichtiger geworden, ist aber nicht der Motivator Nummer eins. Bei der Suche nach Auszubildenden sollte das Gehalt genannt werden oder es in der Anzeige wenigstens einen weiterführenden Link zum Verdienst geben. Denn wenn man zum ersten Mal ins Berufsleben tritt, will man schon wissen, was man sich mit dem Gehalt leisten kann. Muss man sprachlich eigentlich etwas beachten? Fangen wir mit dem „Du“ oder „Sie“ an. Mir fällt oft auf, dass Unternehmen zwischen beidem wechseln. Da heißt es in der Stellenanzeige „Du“ und dann heißt es, „danke, dass Sie sich beworben haben“. Also entweder oder! Das sieht nämlich so aus, als ob es keinen Plan gäbe, dass es jeder im Unternehmen anders machen würde. Das wirkt nicht gut und baut eine Distanz auf. Ob „Du“ oder „Sie“ besser ist, ist von der Unterneh- menskultur abhängig. Letztlich muss es authentisch sein. Prinzipiell muss aber die Sprache in der Stellen- anzeige zu den jungen Menschen passen, die wir damit ansprechen wollen. Bei denglischen Wörtern oder be- hördensprachlichen Begriffen fragt sich jeder 16- oder auch noch 20-Jährige, was ist das denn? Das ist doch das Gegenteil von der Sprache, die ich aus Instagram und Social Media kenne. Das erscheint mir erst einmal suspekt. In der Folge greift relativ schnell das, was ich gern den Bullshit-Filter nenne. Junge Leute sortieren ohnehin aus, weil sie es einfach müssen. Sie haben pro Tag online tausende Botschaften. Nach zwei, spätestens nach vier Sekunden wird da aussortiert. Wenn Sie sich die Stellenanzei- gen anschauen: Welche Fehler unterlaufen den Unternehmen? Immer noch klingen viele Stellenan- zeigen wie Einkaufslisten. Ich ver- wende diesen Vergleich sehr gern, denn wir kaufen ja an sich nieman- den ein, sondern bewerben uns bei den wirklich Guten, damit diese zu uns kommen. Viele Personaler ha- ben da oft einen Tick – ich darf das sagen, ich war selbst mal einer. Wir packen da Dinge rein, die einfach zu groß sind. Toll, wenn das jemand erfüllt, die Wahrscheinlichkeit ist aber gering. Statistiken besagen, dass sich nur 20 Prozent der Inte- ressierten bewerben. Der Rest be- wirbt sich nicht, weil er vielleicht eine von 20 Anforderungen nicht erfüllt und abgeschreckt ist. Außer- dem sollte man auf sinnlose Flos- keln wie „teamfähig“ verzichten. Wer während Corona zwei Jahre zu Hause saß, woher soll er wissen, ob er teamfähig ist? Oft werden in den Stellenanzeigen auch FELIX BEHM ... ist Keynote Speaker, Managementtrainer, Buchautor und Vater einer pubertierenden Tochter. In der Summe macht ihn das zu einem gefragten Experten rund um die Generation Z. Er lebt in Konstanz und berät bundesweit Unternehmen zu dem Thema und möchte die Wirtschaft zu einer erfolg- reichen Zusammenarbeit mit dem Nach- wuchs inspirieren.
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