Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'23 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

7 12 | 2023 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten I m Foyer dreht Serviceroboter Jeannie lang- sam ihre Runden, serviert Getränke und Broschüren und zeigt an diesem Dienstag- morgen in der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, was sie so drauf hat. Formal heißt sie „Genie InBot“, soviel wie intelligenter Flaschengeist- roboter, und sehr zur Freude der Besucher trällert sie auf Wunsch auch schnell noch ein Kinderlied und zwinkert dazu verschmitzt mit den digitalen Augen, bevor sie gebrauchtes Geschirr an der Küchenzeile abliefert. Im großen Saal nebenan werden andere tech- nische Finessen vorgeführt. Alexander Goro- voj vom Fraunhofer-Institut IAO demonstriert mit einer Hololens, einer Mixed-Reality-Brille, wie sich interaktive 3D-Projektionen in der unmittelbaren Umgebung darstellen lassen. Die zuvor per Handy-App dreidimensional ein- gescannte Teekanne lässt sich per Fingerzeig auf dem realen Tisch „abstellen“ und ihre Wir- kung von allen Seiten begutachten. Ein Traum für Einrichtungshäuser und Innenausstatter, aber auch mit Potenzial für mutige Gastrono- men, die ihren Gästen so die Gerichte und Portionsgrößen präsentieren könnten. Ein paar Stände weiter können Smartphone- Besitzer per QR-Code und App ein digitales Glücksrad in einem Schaufenster bedienen und – potenziell – Einkaufsgutscheine erspie- len. Nebenan blendet ein intelligenter Spiegel beim Anprobieren von Kleidung Infos zum Ma- terial, zum Preis und zu den verfügbaren Grö- ßen und Farben ein. Wer will, kann den neuen Look via Spiegel auch gleich auf Instagram mit seiner Community teilen. Eine Klasse Berufsschüler zeigt sich beein- druckt von den digitalen Möglichkeiten, einige Jugendliche fragen aber auch nach der Rele- vanz, andere fürchten um die Qualität ihres Jobs. Die Crux bei allem Neuen. Vier Tage gastiert das Urban Innovation Hub, ein mobiles Innovationslabor, in den Räumen der IHK in Villingen-Schwenningen. Das „uih!“ ist ein Teilprojekt von „Handel innovativ“, und will stationären Einzelhändlern, aber auch der Gastronomie digitale Möglichkeiten für ihr Business vorstellen. Dutzende Unternehmer aus der Region und auch 180 Berufsschüler nutzen die Gelegenheit. Anwendung sucht Anwender Nicht alles ist (schon) massentauglich, räumt Julian Kemmer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HTWG Konstanz und für das Projekt Handel innovativ auf Achse, ein. „Die Holo- lens werden Sie wohl kaum allen Kunden an- bieten wollen.“ Aber, so ergänzt er, die reine Augmented Reality, die Möglichkeit, Waren in 3D einzuscannen und auf eine Oberfläche zu Bild: Pixl Agentur_Hüfingen Produktinformation per App Wer in Konstanz im Spielwarenge- schäft „Die Eule“ mehr zu einem Produkt wissen möchte, kann sich von Jacqueline Wernicke und ihren Mitarbeiterinnen beraten lassen. Oder bald schon mal selbst über den EAN-Code an der Ware und das eigene Smartphone vorrecherchieren. „Wir sind ein kleiner Laden, können also nicht immer für alle Kunden direkt bereitstehen. Zugleich führen wir aber teilweise erklärungsbedürftiges Spielzeug. Diese Beratungslü- cke wollte ich schließen“, erklärt Wernicke. Denn, so ihre Erfahrung, „Kunden, die wir beraten, kaufen in der Regel auch. Besucher ohne Hilfe gehen eher mal wieder.“ Für die neue Regali-App hat sie über den Ideenwettbewerb „Einkaufserlebnisse im stationären Einzelhandel“ des Landes finanzielle Unterstützung bekommen und ist als Best Practice ausgezeichnet worden (mehr auf S. 40). Ab Frühjahr ist die App in der Eule für die Kunden im Einsatz – bis dahin erstmal „nur“ zur Schulung der Aushilfen. Denn niemand kennt sich mit den Waren so gut aus wie die Chefin, die sie schließlich aussucht und bestellt. So kommt die App künftig mit doppelter Informationsfunktion zum Einsatz. uh Kaufverhalten und Bewegungsmuster mit KI analysieren Wie viele Menschen sind wann im Geschäft unterwegs? Alleine oder in Gruppen? Welche Wege nehmen sie? Wo bleiben sie stehen? Was schauen sie an? Welche Werbewand zieht, welche nicht? KI-Anwendungen können – mit entsprechenden Daten gefüttert – all diese Fragen beantworten und Anregungen geben, wie sich Per- sonenfluss und Warenanordnung optimieren lassen. Die Erhebung der Daten könnte grundsätzlich per Kamera, Smartphoneortung oder 3D-Sensoren erfolgen, manche Verfahren stoßen hierzulande aber an die strengen Grenzen des Datenschutzes, wie bei der Präsentation in Villingen- Schwenningen betont wurde (Bild). Dennoch gibt es bereits DSGVO-konforme Methoden der Erhebung und eine Anonymisierung der Daten, so dass sich das Besucherverhalten rechtlich sauber analysieren lässt. uh Multisensorik im Shop Mit Hilfe von Musik, Duft und Bildern – per Monitor oder Plakat – werden gezielt Stimmungen rund um eine Warengruppe erzeugt. Das versetzt den Kunden schon mal in die Konsumsituation. Die ent- stehende Wohlfühlatmosphäre kann sich positiv auf die Verweildauer im Geschäft auswirken und die Abverkäufe steigern.Alternativ kann auf den Monitoren zum Beispiel auch über die Herkunft oder die Eigenschaften der Produkte informiert werden – etwa Infos zu regionalen Herstellern oder über die nachhaltige Produktion. uh

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