Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'23 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

45 12 | 2023 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Themen & Trends Wie schwer ist es Ihnen gefallen, so gar nichts von der Firma zu sehen und zu hören? Pukelsheim: Sehr. Das hält man wirklich nur aus, wenn eine größere Idee, eine Vision da- hintersteht. Bei uns war es die Weltumseglung mit den Kindern. Dann wird das Aushalten Mit- tel zum Zweck – was es aber nicht weniger anstrengend macht. Man muss sich immer wieder sagen, nein, ich rufe nicht an, ich maile nicht. Denn wir alle wollten ja lernen, ich das Loslassen und die Mitarbeitenden das Verant- wortungübernehmen. Also musste ich mit der Ungewissheit leben. Ist es für Chefs kleinerer oder größerer Unternehmen leichter auszusteigen? Habighorst: Ich denke, in größeren Betrieben ist es einfacher, weil es fürs Operative eigene Strukturen und Mitarbeiter gibt. In Kleineren arbeitet der Chef im Tagesgeschäft mit und diese Ressource muss dann auch noch ersetzt werden, nicht nur der Kopf für die strategi- schen Entscheidungen. Sie sind nun wieder da. Geht es dem Unter- nehmen gut? Pukelsheim: Ja. Absolut. Das Jahr ist finanziell besser gelaufen als die Jahre vorher. Das ist doch eine tolle Botschaft, mit der wir rausge- hen können. Ich denke, alle Mitarbeiter haben sich ganz krass ins Zeug gelegt, weil sie ihren Beitrag zu dieser abgefahrenen Geschichte leisten wollten. Die wollten das rocken und mir auch zeigen, wozu sie ohne mich fähig sind. Und wie lief Ihre „Wiedereingliederung“? Sie konnten den Kollegen ja nicht einfach den Spielraum wieder wegnehmen. Pukelsheim: Nein, natürlich nicht. Allen war von Anfang an klar, dass ich im Anschluss eine neue Rolle brauche und nicht in die alte zu- rückkehre. Das wollte ich auch gar nicht. So zumindest die Theorie. Die Erfahrung zeigt, dass es viel einfacher ist, Verantwortung zu übernehmen, wenn der andere nicht da ist. Nach meiner Rückkehr wurde das viel schwieriger. Um es allen leich- ter zu machen, haben wir deshalb vereinbart, dass ich in den ersten drei, vier Monaten kei- ne operativen Entscheidungen treffe, sondern einfach nur durch mein Unternehmen gehe und zuhöre, was die Zeit ohne mich mit den Mitarbeitern gemacht hat. Und jetzt? Pukelsheim: Ich habe festgestellt, dass ich mehr Unternehmer und weniger Geschäftsfüh- rer sein möchte. Das heißt, die drei Kollegen haben weiterhin die Verantwortung für den operativen Teil und ich bin strategischer, per- spektivischer unterwegs und längst nicht mehr jeden Tag im Betrieb. Aber ich muss nach wie vor lernen, mich zurückzuhalten. Wir haben alle verinnerlicht, wenn der Chef im Raum ist, entscheidet der Chef. Bei uns ist es dummerweise nun so, dass ich da bin, aber trotzdem nicht entscheide. Ich bin nicht mehr der mit der größten Kompetenz. Das irritiert manche Mitarbeiter. – Und schwupps, stecken wir im nächsten Transformationsprozess und definieren Rollen neu. Ich weiß, dass ich damit viel von meinen Mitarbeitern verlange. Was ist aus der Reisezeit geblieben? Pukelsheim: Die monatlichen One-Pager. Mei- ne Führungsspitze hat sie für sich als gutes Instrument zur eigenen Standortbestimmung entdeckt. Mal einen Schritt zurücktreten, Pau- se machen, sacken lassen. Insgesamt arbeiten wir jetzt strukturierter, weniger auf Zuruf, we- niger schnell, schnell. Das tut uns gut. Sie beide sind mit Ihren Erfahrungen mitt- lerweile bundesweit auf Vortragstour durch die Unternehmerschaft. Warum? Pukelsheim: Wir wollen einfach Vorbild sein. Es gibt nicht viele Informationen zu dem The- ma, dafür umso mehr Unternehmer, die den Wunsch hegen, ihn aber nicht öffentlich ma- chen, aus Angst, dass er gleich wieder zer- redet wird. CHRISTIAN PUKELSHEIM (r.) und MICHAEL HABIGHORST haben über ihr gemeinsames „Aussteiger-Trans- formations-Projekt“ ein sehr lesenswertes Buch verfasst: „Radikal weg: Wenn der Chef ein Jahr Auszeit nimmt und das Unternehmen dennoch funktioniert“, 216 Seiten, Mentoren-Media-Ver- lag, 24,99 Euro (Print). In zwölf Kapiteln arbeiten die beiden die großen Themen und Herausforde- rungen während dieser Zeit auf, von Kommuni- kation über (Eigen-)Verantwortung bis Verände- rung. Erst berichtet jeweils Pukelsheim aus der Sicht des Reisenden, dann Habighorst aus dem Innern des Unternehmens und abschließend ziehen beide gemeinsam Bi- lanz, was sich für die Zukunft lernen lässt. uh AUSTAUSCHEN Wer sich mit Gleichgesinnten stärker über Transformation, Füh- rung, Unternehmensgestaltung und Digitalisierung kurzschließen möchte, ist beim Impulsnetz- werk der IHKs gut aufgehoben. Infos, Themen und Termine unter www.impulsnetzwerk.ihk.de Die hiesigen IHK-Ansprechpartner: IHK Hochrhein-Bodensee: Sunita Patel 07531 2860-126 sunita.patel@konstanz.ihk.de IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg: Niklas Lehmann 07721 922-414 niklas.lehmann@vs.ihk.de IHK Südlicher Oberrhein: Emmanuel Beule 0761 3858-268 emmanuel.beule@freiburg.ihk.de Was würden Sie sich wünschen, wie die Menschen mit Ihrer Story umgehen? Habighorst: Wenn sich irgendwann mal eine Unternehmerin oder ein Unternehmer bei uns meldet und sagt „Ich habe mir euch als Vorbild genommen und das selbst ausprobiert und geschafft“ – das wäre so das größte Kompli- ment, was wir bekommen könnten. Das würde mich sehr freuen. Können Interessierte Sie kontaktieren? Pukelsheim: Auf jeden Fall. Gerne. Unsere Kontaktdaten finden sie auf unseren Webseiten www.christianpukelsheim.de und www. habighorst-consulting.de . Das Gespräch führte Ulrike Heitze

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