Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'23 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
44 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 12 | 2023 Herr Pukelsheim, sie stellen in vierter Ge- neration Scheren her und beschäftigen in ihrem Unternehmen Robuso 20 Mitarbeiter. Zur Zeit Ihrer Abreise hatten sie zudem ge- rade zwei weitere Betriebe frisch integriert. Wie kommt man da auf die Idee, für ein Jahr aussteigen zu wollen? Christian Pukelsheim: Ich hatte 2016 ein Buch gelesen von einer Familie, die ein Jahr Aus- zeit genommen hat. Das hat etwas ausgelöst. Meine Frau ist Ärztin und auch sehr einge- spannt. Die Idee hat uns einfach gepackt. Nur ein Jahr Pause, mehr nicht. Das wäre schon schön. Und dann haben wir beschlossen „Wir schaffen das“ – und uns ein Jahr lang einen Stolperstein nach dem anderen angeschaut und versucht, ihn kleiner zu machen. Mutig, mutig, werden da viele denken. Pukelsheim: Das war schon mutig und es hat sich auch immer so angefühlt. – Nicht zuletzt, weil mich viele aus dem beruflichen Umfeld mit hochgezogenen Brauen eher schon für übermütig hielten. Herr Habighorst, wie fanden Sie die Idee von Herrn Pukelsheim? Michael Habighorst: Spannend. Ich hatte mir für eine Fahrradtour zum Nordkap auch schon mal eine Auszeit von meinem Beratungsunter- nehmen genommen. Ich fand die Idee deshalb gar nicht befremdlich. Wann haben Sie Ihre Mitarbeiter informiert? Pukelsheim: Etwa anderthalb Jahre vor der Reise – damit genug Zeit blieb, die nötigen Kompetenzen zu entwickeln. Zuvor hatte ich erst eine Weile allein und dann gut ein Jahr zusammen mit Michael Habighorst an der Umsetzung getüftelt. Sie hätten einen Interimsmanager anheu- ern können. Haben das aber nicht getan... Pukelsheim: Wir hatten bereits viel Zeit und Energie in die Kulturarbeit gesteckt und das wollte ich nicht aufs Spiel set- zen. So habe ich meine drei Führungskräfte einzeln ge- fragt, ob sie diese Herausfor- derung, diese Verantwortung auf sich nehmen möchten. Sie haben sehr intensiv ab- gewogen, weil da ja natürlich auch die Haftung nach GmbH- Recht eingeschlossen ist. Das ist dann schon ein echtes Commitment. Aber alle drei haben zugesagt. Der nächste Schritt war dann die Prokura für sie und ein gründli- ches Einarbeiten in alle meine Bereiche. Haben Sie geglaubt, dass das klappen kann, den Mitarbeitern die Verantwortung fürs Unternehmen zu überlassen? Habighorst: Ja. Ich erlebe immer wieder, dass Mitarbeiter, wenn sie wirklich Verantwortung übernehmen dürfen, nach einer gewissen Einarbeitung und Rollenfindung dieser Auf- gabe durchaus gewachsen sind. Es braucht Vertrauen auf beiden Seiten. Nicht alle Mitar- beiter haben dieses Vertrauen in sich. Aber es sind mehr, als wir Unternehmer uns vorstellen können. Dieses Vertrauen aufrechtzuerhalten, war Ihre Aufgabe, richtig? Habighorst: Ich war der kritische Sparrings- partner für alle Beteiligten. Damit sie in ihre Rollen reinfinden und sie auch gut ausfüllen. Im Schnitt war ich zwei Tage im Monat vor Ort und sonst per Videokonferenz verfügbar. Ich war dafür da, zu helfen, in schwierigen Situati- onen zu Lösungen zu finden. Mein Job als Coach war es aber ausdrücklich nicht, Aufgaben zu übernehmen oder Entschei- dungen zu treffen. Welche Regeln haben Sie sich für die Zeit Ihrer Reise selbst auferlegt? Pukelsheim: Ich rufe nicht an, ich schreibe keine Mails, ich bekomme einmal im Monat einen One-Pager von allen drei Führungskräf- ten mit den wichtigsten Informationen zum Unternehmen. Das wars. Ich hätte mich nur im absoluten Notfall eingeschaltet. »Das war schon mutig und es hat sich auch immer so angefühlt« Christian Pukelsheim Bild: Adobe Stock/Marco Martins Selbstorganisation im Unternehmen Radikal weg Eine längere Auszeit nehmen – für Reisen, Weiterbildung, Familie. Und nicht ständig an die Firma denken müssen. Für viele Unternehmer ist das ein schöner Traum. Christian Pukelsheim, Chef eines mittelständischen Scherenherstellers in Solingen, hat sich seinen – eine Weltumseglung mit Kind und Kegel – erfüllt und den Familienbetrieb für ein Jahr in die Hände seiner Belegschaft gegeben. Im Inter- view erklären er und Michael Habighorst aus Schallstadt, der als Unternehmensberater die Mitarbeiter in dieser Zeit coachte, wie es eine spannende Reise für alle Beteiligten wurde – und eine erfolgreiche dazu.
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