Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'23 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
9 12 | 2023 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Einfach und dringend zuerst Die Zahl der digitalen Hilfen wächst – jetzt ist es am Unternehmer, zu eruieren, was ihm und seinen Kunden oder Gästen weiterhelfen wür- de. Wie viel Digitalisierung kann man sich und seinem Publikum zumuten? Wie affin ist die Zielgruppe – die aktuelle, die künftige und die potenzielle. Fakt ist: Auch wenn es jetzt zum Beispiel noch eine Generation ohne Smartpho- ne und mit Bargeld gibt, wächst perspektivisch eine Kundengruppe mit ganz anderen Gewohn- heiten und Ansprüchen heran. Doch wie geht man diese Entscheidung an, wenn einem die Lust auf Technologie nicht gerade in die Wiege gelegt ist und der Arbeits- tag mit anderen Aufgaben ohnehin gut gefüllt ist? „Denken Sie sich Schritt für Schritt ein“, rät Steffen Hoss, Geschäftsführer der „one- top GmbH“ in St. Georgen und Mitglied im Arbeitskreis Kreativwirtschaft der IHK Villin- gen-Schwenningen. „Was sind die Bereiche, die Ihnen am wichtigsten sind und in denen Sie vorankommen möchten.“ Bei dem einen drückt der Schuh beim Personal am meisten, bei dem anderen ist es eine sinkende Kun- denfrequenz. „Und dann startet man mit dem Dringendsten und mit dem Einfachsten.“ Manche Aspekte sind inzwischen ein Must- have im Handel wie in der Gastronomie. Dazu zählt, dass man online auffindbar ist. „Längst nicht mehr nur die junge Zielgruppe sucht erst- mal online nach Angeboten in der Region,“ weiß Hoss. „Und wenn man dann mit seinem Kinderschuhangebot nicht auffindbar ist, geht die Order doch wieder an Amazon.“ Dabei ist ein Google-my-Business-Eintrag längst kein Hexenwerk, sondern sogar kostenlos bis kos- tengünstig zu haben und zu pflegen, betont Michael Steiger, Vizepräsident bei der IHK Villingen-Schwenningen, Präsidiumsmitglied im Dehoga Bundesverband und selbst Betrei- ber verschiedener Pubs und Restaurants im Schwarzwald. „Die Öffnungszeiten, die An- fahrt und ein bisschen was vom Angebot – das kann man selbst machen und schon hat man einen ersten Einstieg ins Thema.“ Das sich dann sukzessive ausbauen lässt, etwa mit Be- stell- und Reservierungsmöglichkeiten. „Damit erspart man zum Beispiel der Fachkraft und dem Kunden die oft zeitintensive Telefoniere- rei. Die persönliche Ansprache wird immer Teil der Gastronomie bleiben, aber Hilfsmittel sind doch gern gesehen“, meint Steiger. Beratung und Förderung satt Weil die Digitalisierung der Branchen auch der Bundes- und Landesregierung ganz akut unter den Nägeln brennt, können innovationsfreu- dige Unternehmer aktuell auf ein großes Be- Serviceroboter Genie (l.) und Bella In der Villinger IHK-Ausstellung war „Genie InBot“ als dienstbarer Geist unterwegs (l.), im Hotel Waldblick in Schenkenzell sind zwei „BellaBots“ im Einsatz. Sie helfen seit Januar im Innen- und Außenbereich des Traditionsrestau- rants von Heinz und Jessica Kilgus beim Servieren und Abräumen. Die beiden Serviceroboter sind auf die Räumlichkeiten und die Außenterasse programmiert und nutzen die Rampen für den barrierefreien Zugang. Das eigentliche Servieren übernehmen nach wie vor die menschlichen Fachkräfte, die Wege zwischen Küche und Gastraum mit vollen Tellern oder schmutzigem Geschirr legen aber die digitalen Helfer zurück. Und weil Bots gut was tragen können, spart das beim Personal Zeit, Kraft und Gänge. „So bleibt uns mehr Zeit für die Gäste“, sagte Hotelier Heinz Kilgus in einem Interview mit dem Südkurier. Und bei denen kommen die beiden Bellas ohnehin gut an. uh Ins Netz verlängerte Schlafberatungskompetenz Andre und Jessica Alesi betreiben in Schramberg das Bettenhaus Alesi und das Institut für Schlaf und Regenera- tion. Was liegt da näher, als für die Kundschaft das Warenangebot um die gesundheitswissenschaftliche Expertise zu erweitern – vor Ort und vor allem auch online. Unterstützt durch den Ideenwettbewerb „Einkaufserlebnisse im stationären Einzelhandel“ und dort auch als Best-Practice-Projekt ausgezeichnet, können Kunden als Mehrwert nun wissenschaftlich validiert, aber per Gamifikation spielerisch mehr über (den eigenen) Schlaf und gute Regeneration erfahren. Das Unternehmen stellt die modulare Desktopanwendung auch anderen Bettenhäusern, seinem Verband und Betrieben etwa fürs Betriebliche Gesund- heitsmanagement zur Verfügung. uh Lebensmittelladen – Shoppen ohne Personal Als Werner und Claudia Lehmann ihr Lebensmittelgeschäft in Berghaupten 2022 aus Altersgründen aufgaben, drohte dem Ort das Aus in Sachen Nahversorgung – bis Irina Obert und Reiner Armbruster, zwei ortsansässige IT-Spezialisten, sich ein Herz fassten und zu Krämern wurden. Zu digitalen Krämern. Denn das Besondere an ihrem „Bittschön“, das vor rund einem Jahr an den Start ging: Der Laden ist nur vormittags – für die Senioren – mit Perso- nal besetzt. Ab mittags lassen sich registrierte Kunden per Kundenkarte selber rein, wiegen und scannen ihre Einkäufe in Eigenregie und zahlen bargeldlos – und zwar ganz gewissen- haft, wie Irina Obert versichert. Berghaupten hat durch das Bittschön nicht nur zwischen 6 und 22 Uhr wieder einen Nahversorger. Der Laden ist in den Zeiten mit und ohne Personal zu einem sozialen Treffpunkt für den Ort und für alle Generationen geworden. uh
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