Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juli/August'23 -Südlicher Oberrhein

9 7+8 | 2023 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Solche überbetrieblichen und vor allem interkommunalen Ansätze sieht Philipp Hilsenbeck auch als mögliche Handhabe für andere Standortfaktoren, die eine schlechte Bewertung erhalten haben und Unterstützung benötigen, wie etwa die weiter zunehmende Konkurrenz der Flächenwünsche. „Von Wohnen und Erholung über Windkraft- und Solarstandorte bis zu Landwirtschaft, Infrastruktur und Gewerbege- biete – für all das wird Raum benötigt,“ stellt der IHK-Standortexperte fest. Das wird eine Kommune alleine nicht sinnvoll lösen können. „Hier sehe ich eine Aufgabe für uns IHKs, den übergreifenden Ansatz zu fördern. Zusammen lassen sich bessere Lösungen finden.“ Thomas Brugger, der als Gemeinderat und Unternehmer beide Seiten kennt und interkommunale Absprachen gut findet, sieht aber auch seine Kollegen in der Pflicht: „Wo zum Beispiel eine landwirtschaftliche Fläche für Gewerbe frei gemacht wird, muss nicht gleich alles versie- gelt werden. Auch Unternehmen können bei sich für Versickerungsflächen und ökologisch rücksichtsvolle Bebauung sorgen.“ Ein Stück weit Entwarnung möchte Mari- na Stiegeler vom Schönauer Netzbetreiber Stiegeler beim Problempunkt „Versorgung mit schnellem Breitband“ geben. Baden- Württemberg sei in Sachen Glasfaser schon recht weit, insbesondere die Landkreise Schwarzwald-Baar, Waldshut und Lörrach lä- gen weit vorne. „Es wird!“, sagt die Geschäfts- führerin bestimmt. „Neue Gewerbegebiete ohne Glasfaser gibt es längst nicht mehr. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders.“ Und überall, wo Glasfaser angedacht werde, würden die Unternehmen priorisiert. „Es sind so viele Fördermittel und große Player im Einsatz, da passiert gera- de eine ganze Menge. Selbst wir als regionaler Anbieter investieren 50 Millionen Euro, um die Breitbandstruktur hier in der Region auszu- bauen.“ Besserung ist also auch dort in Sicht, wo man sich im Moment tendenziell noch schlecht versorgt fühlt. Schwächen mit Stärken schlagen Den größten Handlungsbedarf – von den Unternehmen als relevant und schlecht bewertet – sehen die Betriebe unter anderem bei den hohen Energiekosten. „Daraus lese ich für uns als IHKs den Auftrag, auf energiepolitischer Ebene dafür zu sorgen, dass unsere Region angebunden bleibt, etwa beim Thema Wasserstoff“, sagt Hilsenbek. Zudem gehe es darum, noch intensiver auf die Beratungsangebote der IHKs in Sachen Effizienzsteigerung bei Abläufen und Prozessen hinzuweisen und den Betrieben von dieser Seite beim Energiesparen zu helfen, ergänzt Alwin Wagner. Bleibt noch die Dauerbaustelle Fachkräfte- oder inzwischen schon Arbeitskräftemangel: Drei der fünf Punkte mit dem größten Hand- lungsbedarf drehen sich um dieses Thema. „Bei uns am Hochrhein schlagen sich sowohl die Schweiz mit den Grenzpendlern als auch die fehlende Hochschullandschaft für die Versorgung mit Absolventen massiv in Form schlechter Bewertungen nieder“, stellt Alexander Graf fest. Aber auch anderswo sieht es nicht besser aus. Die Angst vor einem Mangel an Azubis schafft es auf Platz 2 der meistgenannten Risikofaktoren für die Zukunft (siehe Grafik Seite 10). Was also tun? Die Stärken der Region – von den Unternehmen als re- levant und gut bewertet – intensiver ausspielen, schlägt Alwin Wagner als eine Möglichkeit vor. „Unsere Region ist für Urlaub bekannt, für guten Wein, intakte Natur, Wissenschaft. Aber gemeinhin nicht als der starke Wirtschaftsstandort, der wir tatsächlich sind. Das müssen wir deutlicher kommunizieren. Unser Regionalmarketing muss also weit über den Tourismus hinausgehen.“ Und: Die exorbitant guten Noten für Lebens- und Aufenthaltsqualität, für Freizeitangebote und Angebote der Nahversorgung sind grund- sätzlich genau die Punkte, mit denen sich bei Arbeitskräften punk- ten lässt. Vorausgesetzt, die Botschaft kommt bei den potenziellen Bewerbern an. Verwaltung und Wirtschaftsförderung Standortfaktor Relevanz * Zufriedenheit ** Zusammenarbeit mit der IHK 67% 2,54 Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaftsförderung 57% 3,13 Wirtschaftsfreundlichkeit der Verwaltung 83% 3,23 Bearbeitungsdauer v. Genehmigungs-/ Antragsverfahren bei der Verwaltung 76% 3,54 Angebot digitaler Verwaltungsverfahren 67% 3,72 So bewerten die Unternehmen ihren Standort im Bereich … Lebensqualität Standortfaktor Relevanz * Zufriedenheit ** Lebens- und Aufenthaltsqualität 94% 2,00 Kultur-, Sport- und Freizeitangebot 82% 2,30 Einzelhandelsangebot und Nahversorgung 86% 2,39 Medizinische Versorgung 87% 2,89 Betreuungsangebot für (Klein-)Kinder 67% 3,04 Quelle: IHK-Standortumfrage der IHKs Hochrhein-Bodensee, Schwarzwald-Baar-Heuberg und Südlicher Oberrhein unter Unternehmen der Region, April/Mai 2023. N= 1.201. DER GRÖSSTE HANDLUNGSBEDARF* (Von den Firmen als relevant und schlecht bewertet) Höhe der Energiekosten Verfügbarkeit von Arbeitskräften Bearbeitungsdauer von Genehmigungs- und Antragsverfahren bei der Verwaltung Verfügbarkeit von qualifizierten kaufmännischen Fachkräften Verfügbarkeit von qualifizierten technischen Fachkräften »Der Arbeits- kräftemangel bleibt Dauer- baustelle« Alexander Graf , Geschäftsführer der IHK Hochrhein-Bodensee * So viele Unternehmen halten den Standortfaktor für wichtig ** So zufrieden sind die Unternehmen mit dem Faktor an ihrem Standort Angegeben ist jeweils der Durchschnittswert aus allen Stadt-/Landkreisen im Regierungsbezirk Freiburg 1= sehr gut 5= sehr schlecht

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