Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'23 -Südlicher Oberrhein

8 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2023 TITEL SD Software-Design GmbH, Freiburg Auf Fähigkeiten schauen, nicht auf Defizite Dass Menschen mit Einschränkungen aus dem Autismus-Spektrum im IT-Bereich oft gut zurechtkommen, kann Daniel Kehmen bestätigen. Er ist Gründer und Geschäftsführer der SD Software-Design GmbH in Freiburg. In seinem 25-köpfigen Team hatte er bereits mit Mitarbeitern mit dieser Diagnose zu tun, hinzu kommt ein Kollege mit einer psychischen Erkrankung. „Eine Krankheit bringt natürlich Einschränkungen mit sich und man muss ein bisschen Zeit einplanen, um sich in die Situation reinzufinden. Aber das alles ist völlig machbar – und durchaus wert, das zu tun“, erklärt er. Was enorm helfe, sei eine gute Kommu- nikation mit dem gesamten Team. „Ich kläre mit dem Mitarbeiter, wie offen ich alle informieren darf, und dann besprechen wir gemeinsam, wie sich seine Erkrankung bemerkbar macht.“ Denn Psychisches sieht man eben nicht. „Und wenn da erstmal Irritationen im Flurfunk landen, ist es zu spät. Dann wird’s toxisch.“ Was den Zuschnitt der Positionen angeht, verfolgt Daniel Kehmen bei all seinen Mitarbeitern – egal ob mit oder ohne Behinderung – den Ansatz, die individuellen Stärken zu analysieren und den Job dafür passend anzulegen. „Wenn jemand etwas nicht gerne macht oder gut kann, übernimmt es jemand anders. In der Summe ist der Job dann getan.“ Das setze aber auch voraus, dass man an seine Strukturen und Stellenprofile offen drangehen könne, gibt er zu. Das falle großen Unternehmen sicher schwerer. Aber dennoch: „Auf Stärken und Schwächen einzugehen, macht ja nicht nur Sinn, wenn jemand eine starke Beeinträchtigung hat.“ uh angepeilte Beschäftigungsquote von fünf Prozent. Nur die Landkreise Rottweil und Tuttlingen kommen mit 4,7 und 4,4 Prozent immerhin in die Nähe. Da es auch in anderen Ecken Deutschlands nicht besser aussieht, hat die Bundesregierung vor Kurzem ein neues Gesetz auf den Weg ge- bracht, das dem inklusiven Arbeitsmarkt auf die Sprünge helfen soll, etwa indem die Aus- gleichsabgabe erhöht wird (mehr dazu im Kas- ten auf Seite 7). Die zu erwartenden höheren Kosten sollen Unternehmen animieren, sich des Themas doch mal stärker anzunehmen. Unternehmen fehlt Erfahrung Das kann klappen, viele Inklusionsexperten aus der Region glauben indes nicht daran. Sie machen andere Gründe aus, warum Unterneh- men Menschen mit Handicap so selten auf dem Zettel haben, wenn es um die Besetzung von Stellen geht. Berührungsängste beispiels- weise. „Wir sind es in unserem Alltag einfach nicht gewohnt, mit Menschen mit Behinderung zusammenzuarbeiten“, stellt Esther Weber, Leiterin der Geschäftsstelle für Menschen mit Behinderung im Landkreis Emmendingen, fest. „Uns fehlen für bestimmte Behinderun- gen schlicht die Basics. Wie gehe ich mit ei- nem blinden Menschen um, wie begegne ich einem Autisten?“ Das führt zu Vorurteilen und nicht zuletzt zu einer Verunsicherung in den Betrieben, ob sie das überhaupt leisten kön- nen, erlebt Weber. Eine nicht unberechtigte Überlegung, denn Mit- arbeiter, die eine Behinderung haben, – sei es körperlich, geistig, seelisch, sozial oder in Form einer Sinnesbeeinträchtigung – bringen immer eine Einschränkung mit, erklärt Stefan Listl, der beim Integrationsfachdienst (IFD) in Freiburg die „Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitge- ber (EAA)“ aufbaut. Die EAAs sind seit 2022 beschlossene Sache und sollen bundesweit als niederschwelliges Angebot rund um Inklusion genau das leisten, was ihr Name besagt, näm- lich als Lotse Unternehmen und gehandicapte Arbeitnehmer beraten, begleiten und mit den richtigen Stellen zusammenbringen. „Einschränkungen bedeuten in der Regel, dass im Unternehmen irgendetwas geändert und angepasst werden muss. Das können Umbau- ten sein, Teamstrukturen, Kommunikations- wege oder das Stellenprofil, weil der Mensch trotz aller Anpassungen nicht alle vorgesehe- nen Aufgaben abdecken kann“, sagt Listl. Das macht erstmal Arbeit – und kann einen – wenn es nicht rund läuft – auch länger beschäftigen. Esther Weber rät deshalb beiden Seiten, dem Unternehmen wie dem Bewerber, zu Offenheit und Ehrlichkeit. „Der Mitarbeiter muss rea- Aha Factory GmbH, Weil am Rhein Positiv ans Thema gehen Wie sich ein Berufsalltag mit Behinderung gestaltet, kennt Armin Ruser aus eigenem Erleben. Der Gründer und Chef des Marketing- und Beratungs- unternehmens „AHA Factory“ in Weil am Rhein ist seit einem Motorradun- fall im Rollstuhl unterwegs und rät allen Beteiligten – Unter- nehmen, Kunden, Mitarbeitern – zu einer unverkrampften Offenheit: „Wenn man über die Einschränkung spricht, findet sich immer eine Lösung.“ Wenn es sein musste, habe man ihn auch schon eine Treppe raufgetragen. Die Menschen seien extrem kooperativ. Dass sich Betriebe dem Thema Inklusion trotzdem eher zurückhaltend widmen, erklärt er sich mit der allgemeinen Überlastung. „Wir haben alle viel um die Ohren mit unseren Kernthemen. Da kommt man nicht von allein drauf, noch eine weitere Baustelle aufzuma- chen.“ Insofern könnte das neue Gesetz immerhin zur Folge haben, dass mehr Leute aufmerksam werden und mal drüber nachdenken. „Ich glaube, wir brauchen auf allen Seiten ein positives Mindset, um dem Thema einen guten Dreh zu geben.“ Wenn etwas beladen und problema- tisch daherkomme, winke man doch ab, solange man noch die Wahl habe, so seine Einschätzung. „Wir brauchen eine Diskussion über das Thema. Was wir nicht brauchen, sind Vorwürfe. Dann können wir auch zu einer guten Lösung finden.“ uh

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