Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'23 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

10 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2023 TITEL Maertin & Co. AG, Freiburg Eine Win-win-Lösung für alle „Jens hat so eine Leichtigkeit hier reinge- bracht. Er war fester Bestandteil des Teams“, erinnert sich Stephanie Maertin , Vorstand der Maertin & Co. AG, an den ersten geistig behinderten Mitarbeiter bei dem Freiburger Großhandelsunternehmen, der im vergange- nen Jahr in Rente gegangen ist. Vor rund 15 Jahren ist die Anstellung über eine Anfrage der Caritas zustande gekommen. Damit war das Eis gebrochen und es stellte sich nie mehr die Frage, ob Menschen mit Handicap ins Un- ternehmen passen könnten. Selbstverständ- lich. Vier Mitarbeiter mit geistigen Einschrän- kungen beschäftigt Maertin zurzeit. „Wobei es Zufall ist, dass niemand mit körperlichen Handicaps dabei ist“, sagt die Chefin. Alle haben, wie es bei Kooperationen mit Behindertenein- richtungen üblich ist – zunächst ein bis zwei Jahre als Praktikant gearbeitet, getragen von der Caritas – und wurden dann festangestellt. Die Vier sind vorrangig in der Kleinmontage eingesetzt und haben immer einen nichtbe- hinderten Kollegen als Ansprechpartner in der Nähe. Stephanie Maertin ist froh um die Möglichkeiten, die ihr die Inklusion bietet, denn die Arbeiten sind wegen ihrer Monoto- nie und Kleinteiligkeit bei nichtbehinderten Mitarbeitern nicht unbedingt beliebt. Den vier Männern kommen sie aufgrund ihrer Behinderung aber sehr ent- gegen, sie sind mit Akribie und zuverlässig bei der Sache. Trotzdem sei es wichtig, ergänzt Stephanie Maertin, dass der Job auf den Menschen abgestimmt ist. Der eine mag es immer gleich, der andere braucht trotz allem Abwechslung. „Und für manche Einschränkungen haben wir Work- arounds erdacht.“ Wie etwa eine Schablone für die Kollegen, die nicht so stark im Zählen sind. Für die Zusammenarbeit mit Integrati- onsamt und Arbeitsagentur findet Maertin nur lobende Worte. „Wer wann zuständig ist, verstehe ich zwar nicht immer, aber alle sind sehr hilfsbereit und interessiert.“ uh Beschäftigungsverhältnis bis zum bitteren Ende aufrechtzuerhalten, ergänzt Susanne Müller. „Die Agentur für Arbeit kann auch hier unterstützen.“ Und weil tatsächlich so viele Fachleute bereit stehen, um die Unter- nehmen bei Bedarf engmaschig und dauerhaft mit Rat und Tat zu begleiten, ermuntert Müller die Betriebe, es doch einfach mal mit einem gehandicapten Bewerber zu versuchen. Ulrike Heitze Druckerei Kesselring & Caritasverband Freiburg-Stadt Fruchtbare Partnerschaft Das Gebäude in der Jechtinger Straße 1 in Freiburg-Haid ist ein Unikat. Werkstatt für Menschen mit Behinderung? Druckerei? Beides. „Diese Konstellation gibt es in dieser Form sonst noch nicht“, stellt Markus Guggenmoser , Leiter der Caritas-Werkstätte auf der Haid, fest (im Bild). Der Caritasverband Freiburg-Stadt hat hier 2019 eine Werkstät- te gebaut und die Emmendinger Offset-Druckerei Kesselring ist mit eingezogen. Nun arbeiten aktuell 20 Menschen mit körperli- cher oder geistiger Behinderung im Schichtdienst auf einer ins normale Betriebsgeschehen integrierten gemeinsamen Inklusionsfläche bei Kesselring. Im Tandem – der eine einhändig, der andere mit zwei Händen – verarbeiten und verpacken sie zum Beispiel Bedienungsanleitungen weiter, die zuvor von den Kesselring-Kollegen gedruckt wurden. Zwei Arbeitgeber, ein Team. „Die Maschinen sind so umgebaut worden, dass sie von Menschen mit Behinderung bedient werden können und trotzdem auf die gleiche Leistung kommen“, erklärt Guggenmoser. „Die größte Umstellung für uns war der Umzug nach Freiburg“, scherzt Thomas Reibel , Chef der Kesselring GmbH. Die enge Zusammenarbeit mit der Caritas besteht seit Jahrzehnten, man kennt sich. Für Reibel hat der Umzug vor allem zwei Vorteile: Zum einen spare es Wege. Druckerzeugnisse müssen nicht mehr für die weitere Verarbeitung in eine Caritas-Werkstatt transportiert werden. Jetzt bleibt alles unter einem Dach. Und: „Unser Ziel ist seit Jahren, durch die Zusammenarbeit mit der Caritas so viele Menschen mit Behinde- rung wie möglich für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen“, erklärt Reibel. „Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist so angespannt, dass wir diese Menschen gerne bei uns in den Arbeitsprozess einbinden – um sie als Mitarbeiter zu gewinnen.“ Zwei seiner 14 Beschäftigten kommen bereits aus dem Caritas-Pool. uh INFOS & ANSPRECHSTELLEN Die Agentur für Arbeit mit ihrem Arbeitgeberservice für Unternehmen: www.arbeitsagentur.de/unternehmen Das KVJS-Integrationsamt vom Kommunalverband für Ju- gend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS): www.kvjs.de Die Integrationsfachdienste (IFD): www.ifd-bw.de Die Einheitlichen Ansprechstellen für Arbeitgeber (EAA): www.ifd-bw.de/arbeitgeber/einheitliche-ansprechstelle Rehadat ,Wissensportal des IW Köln: www.rehadat.de und talentplus.de Die IHKs (speziell auch bei Ausbildungsfragen): IHK Hochrhein-Bodensee: Alexandra Thoß 07531 2860-131 alexandra.thoss@konstanz.ihk.de IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg: Klaus Ringgenburger 07721 922-191 ringgenburger@vs.ihk.de IHK Südlicher Oberrhein: Katja Weis 0761 3858-109 katja.weis@freiburg.ihk.de

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