Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe April'23 -Südlicher Oberrhein
46 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 4 | 2023 K limaschutz ist das Gebot der Stunde, doch so manches Mal ist das Vermei- den von Emissionen aktuell technisch nur sehr schwer oder zu sehr hohen Kosten möglich. Nicht wenige Unternehmen setzen daher auf CO 2 -Kompensation. Das Prinzip: Unternehmen, aber auch Privatpersonen, be- zahlen Geld dafür, dass an anderer Stelle auf der Welt ein Klimaschutzprojekt die Emissio- nen einspart, die sie selbst ausstoßen. Dafür hat sich ein Markt etabliert. Jede Tonne CO 2 wird dabei als Zertifikat verkauft. Die Ausgleichszahlung zielt darauf, die glei- che Menge Klimagas zum Beispiel durch Auf- forstung von Wäldern, Wiedervernässung von Mooren oder den Ausbau erneuerbarer Ener- gien auszugleichen. Eigentlich eine smarte Idee: „Der Grundgedanke ist, dass Geld dort investiert wird, wo es dem Schutz des Klimas am meisten bringt“, sagt Jil Munga, Referen- tin für Klima und Ressourceneffizienz bei der IHK Südlicher Oberrhein. Denn für das Klima macht es keinen Unterschied, wo die Belastung auftritt. Entscheidend ist, dass die Summe des globalen Treibhausgasausstoßes gemindert wird. Allerdings kommt es auch immer wieder zu Fällen, bei denen unklar ist, ob und wieviel Treibhausgas durch solche Maßnahmen tat- sächlich vermieden wird. Insbesondere Wald- schutzprojekte sind mit Risiken behaftet. Der Gedanke bei dieser Art von Kompensation ist: Solange Wälder intakt sind, entziehen sie CO 2 aus der Atmosphäre. Jede Tonne, die in einem Wald gebunden ist und bleibt, ist eine, die nicht zur Klimakrise beiträgt. Wenn es also gelingt, den Schutz der Wälder finanziell attraktiver zu machen als ihre Zerstörung, dann ist dem Klima geholfen, so die Idee. Wer zahlt, bekommt im Gegenzug das eingesparte CO 2 gutgeschrieben. Aber: Für Waldschutz- projekte gilt das „Zusätzlichkeitskriterium“. Das heißt, dass der Wald wirklich stehenblei- ben muss und ohne das Geld aus der Kom- pensation nicht stehengeblieben wäre. „Da ist immer die Frage, wie weist man so was nach?“, erläutert Munga. Auch zu überprüfen, ob durch Waldschutzprojekte CO 2 vermieden wird, ist nicht trivial. Denn dafür müssen die entsprechenden Wälder viele Jahrzehnte in- takt bleiben. UN lehnt Waldschutz zur Kompensation ab Aber Wälder können gerodet werden oder Bäume durch Stürme oder Brände zerstört werden – die letzteren beiden sind Risiken, die durch die Klimakrise stetig ansteigen. Während der Käufer das Zertifikat sofort er- hält, müsste der Wald bis zu einem Jahrhun- dert geschützt sein, bis sich die Kompensati- on tatsächlich für das Klima manifestiert. Die Vereinten Nationen (UN) haben sich wegen dieser zahlreichen Risiken bereits im allerers- ten Klimavertrag, dem Kyoto-Protokoll von 1997, dagegen entschieden, den Schutz von Wäldern in ihr staatliches Kompensationspro- gramm aufzunehmen, das es den Industrie- nationen erlauben würde, ihren Ausstoß über Projekte in Drittländern zu kompensieren. Auch ein weiteres Programm namens „Gold Standard“, das mehrere Umweltverbände auf den Markt brachten, schloss solche Projekte kategorisch aus. Sie konzentrierten sich auf Wirkungen, die einfacher zu messen sind, wie etwa den Ausbau von Solarenergie. Jüngst will eine Recherche der Wochenzeitung „Die Zeit“‘, der britischen Tageszeitung „The Gu- ardian“ und des britischen Reporterpools „SourceMaterial“ herausgefunden haben, dass über einen Zertifizierer offenbar Millio- nen CO 2 -Zertifikate verkauft wurden, die es nicht hätte geben dürfen. Der Vorwurf der Medien: Die Aufsicht habe in dem Fall nicht funktioniert und zahlreiche Waldschutzpro- jekte hätten ihre Kompensation um ein Viel- faches überbewertet. Auch wenn der Zertifizierer den Vorwürfen vehement widerspricht und überhaupt unklar ist, wie der Fall schließlich ausgeht, sehen sich jene Unternehmen, die über diese Zer- tifikate kompensiert haben – darunter auch Dax-Konzerne – nun mit einem Glaubwürdig- keitsmakel konfrontiert. Das kann zum Prob- lem werden in einem Markt, in dem Verbrau- cher immer stärker auf Nachhaltigkeit und Investoren auf Klimarisiken achten. Ein guter Grund also für Unternehmen im Vorfeld genau abzuwägen, wie und womit die Kompensation erfolgen soll. Oder ganz die Finger weg von Kompensati- on? So pauschal könne man das nicht sagen, meint IHK-Expertin Jil Munga. Jedes Unter- nehmen müsse für sich eine eigene Strategie zur Emissionsreduzierung herausarbeiten, rät die Expertin. Die IHK Südlicher Oberrhein unterstützt Unternehmen dabei über das Pro- jekt „Zielgerade2030“ sowie das Programm Klimafit. Teilnehmende Unternehmen erhal- ten Hilfe beim Erstellen einer Treibhausgas- bilanz, um auf deren Grundlage einen Akti- onsplan zu entwickeln. „Kompensation sollte dabei so weit hinten wie möglich anstehen“, sagt Jil Munga. Unternehmen, die kompensie- ren möchten oder müssen, verweise die IHK an die Klimaschutzstiftung Baden-Württem- berg, so Munga. Sie fördert beispielsweise ein Ökostromprojekt in Vietnam, Solarkocher für die Bevölkerung auf Madagaskar und den Bau von Biogasanlagen in Indien. Die Klima- wirkung der Projekte lässt die Stiftung nach eigenen Angaben regelmäßig prüfen. Viele Unternehmen nutzen zum Erreichen ihrer Klimaziele freiwillige Kompensationen. Insbesondere bei Waldschutz- projekten gibt es Risiken, die im schlimmsten Fall an die Repu- tation gehen können, wie ein aktueller Fall zeigt. Deshalb sind CO 2 -Zertifikate kein Thema, das man übers Knie brechen sollte. Bild: Adobe Stock/lassedesignen
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