Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Dezember'22 -Südlicher Oberrhein

8 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 12 | 2022 titel könnten es sechs bis sieben Prozent weniger Unternehmen sein. Wenn sich Dönerbude an Dönerbude oder Na- gelstudio an 1-Euro-Laden reiht, ist das Ange- bot für viele Besucher nicht mehr breit genug, dass es die Reise lohnt. Und ist die Innenstadt nicht belebt und attraktiv, büßen nicht nur der verbleibende Handel und die Gastronomie an Umsatz ein, es bleiben auch Touristen weg und den Arbeitgebern der Umgebung fehlen gute Argumente bei der Anwerbung von Fachkräf- ten. Ein Problem, das also viele angeht – und wohl auch nur im Team zu lösen ist. Ideen muss man haben „Wir können als Stadt keine Läden führen“, stellte auf dem Zukunftsforum Meike Folkerts fest, die seit 2019 Bürgermeisterin der Stadt Titisee-Neustadt ist und deren Ortsteil Neu- stadt auch schon vor Co- rona mit einem deutlichen Leerstand zu kämpfen hatte. „Aber wir können kommunale Anziehungs- punkte schaffen, damit Leben in die Bude kommt.“ So verlegte man die Land- kreisbibliothek kurzerhand vom Schulzentrum ins Neu- stadter Ortszentrum und wertete sie zur Mediathek und einem Ort der Begegnung auf. Mehr Begegnung hat sich auch Trossingen auf die Fahne geschrieben und nutzt künftig ver- stärkt die Kompetenz seiner Musikhochschule für einen bunten Strauß an Veranstaltungen. Der neue Online-Kulturkalender „kukt“ steht allen Kulturtreibenden gratis zur Verfügung. Das Stadtmarketing von Oberkirch hat ge- meinsam mit der Seniorenbeauftragten Sab- rina Lusch ein neues Seniorensiegel für seine Händler und Gastronomen entworfen: Vier ehrenamtliche Seniorenbeiräte testen mittels Checkliste die Seniorenfreundlichkeit und Bar- rierearmut der Geschäfte und Restaurants. Wer 70 Prozent erfüllt, erhält für drei Jahre Zer- tifikat und Aufkleber und kann damit bei einer recht attraktiven Käuferschaft punkten. Auch die Stadt selbst lässt sich von ihren Senioren mit Blick auf altersge- rechte Angebote kritisch unter die Lupe nehmen und sammelt Ideen und Verbesserungsvor- schläge. Bei den Bürgern kam die Beteiligung, so berichtete Iris Sehlinger vom Stadtmarke- ting Oberkirch, ausgesprochen gut an. Schon diese unterschiedlichen Ansätze der Kommunen geben einen Hinweis darauf, wie ver- schieden die Probleme und Ausgangslagen sind. Das bestätigt Thomas Kaiser von der IHK Südlicher Oberrhein. So habe etwa un- ter seinen am Innenstadtberaterprogramm beteiligten Städten Kehl mit 42 Prozent die meisten innerstädtischen Handelsbetriebe ge- habt, während Neuenburg nur auf 20 Prozent kommt. Eine Blaupause mit einer Lösung für alle kann es daher nicht geben. „Jede Stadt ist anders, jede hat eigene Stärken und Schwä- chen“, sagt auch Simone Mader von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg. Um eine individuelle Bestandsaufnahme, wo genau der Schuh drückt, wird keine Kommune herumkommen. Und mancherorts, so berich- tet Mader, gehe es auch erstmal darum, dass die Protagonisten überhaupt wieder an einen Tisch finden und sich auf ein Ziel einigen. Schwarmintelligenz nutzen Wie viel weiter man kommt, wenn man Kräfte bündelt und Aufgaben (und Kosten) auf vielen Schultern verteilt, macht aktuell ein neues Netzwerk für ein gemeinsames Stadtmar- keting für die Region Hochrhein-Bodensee vor. Acht Städte und Gemeinden dort haben sich aller Unterschiede zum Trotz zusammen- gefunden, um im Verbund Kunden aus der Schweiz und aus dem Umland auf die hiesi- gen Einkaufsstädte aufmerksam zu machen. „Zu Beginn war es nicht einfach, aber alle Teil- nehmer haben das Kirchturmdenken abgelegt und sie profitieren nun zusätzlich durch den Austausch“, berichtet IHK-Handelsreferentin Lena Häsler. Erstes Projekt war im Frühjahr die gemeinsa- me (Online-)Kampagne „Willkommen in…“ mit einer einheitlichen Bildsprache, aber individu- alisierbaren Elementen. „Die Beiträge wurden mehr als zwei Millionen Mal betrachtet, über 150.000 Mal gelikt oder geteilt. Das hat un- sere Erwartungen übertroffen“, stellt Häsler fest. Eine baugleiche Winterkampagne ist vor kurzem an den Start gegangen (Bilder links). Einige Strategieworkshops spä- ter ist das neue Netzwerk nun auf Namenssuche, möchte um weitere Mitstreiter wachsen (Kontakt siehe Kasten) und brütet zusammen über Ide- en, wie man etwa Schweizer Paketshopkunden für einen Abstecher in die eigenen In- nenstädte gewinnen kann. Angedacht sind Verzehr- oder Einkaufsgutscheine. Und ob der Schweizer seinen Kaffee dann lieber in Waldshut oder in Rheinfelden trinkt, ist für die Idee erstmal zweitrangig, meint Lena Häsler. Aus einem Onlinekunden wäre zumindest wieder ein normaler Kunde geworden. Onlinepräsenz für alle wichtig Auch wenn der Trend zum Onlineshopping mit ein Grund für die aktuellen Probleme der In- nenstädte ist, dürfen stationäre Händler das Internet nicht als Inkarnation des Bösen be- trachten, stellt IHK-Beraterin Simone Mader fest. Im Gegenteil: „Es reicht nicht, den Laden morgens auf und abends wieder zu zumachen. Als Händler muss man heute digital sichtbar sein.“ Denn viele Kunden bereiten ihre Ein- kaufsentscheidungen mittlerweile online vor und finden darüber zum Shop oder zum Res- taurant vor Ort. Ergo: Wer online nicht präsent ist, wird offline nicht gefunden – insbesondere nicht von der jüngeren Zielgruppe. Nach einer Untersuchung der IHK Südlicher Oberrhein zur digitalen Sichtbarkeit von In- nenstadtbetrieben in sieben Kommunen der Region steht jeder dritte Betrieb im digitalen Bilder: logoslab.de Das gleiche Look-and-feel, aber mit lokalen Nuancen: Motive aus der aktuellen Winterkampagne von acht Gewerbevereinen aus der Region Hochrhein-Bodensee, mit der alle gemeinsam online für die Innenstädte der Region werben. »Innenstadt- entwicklung ist nicht zwingend eine Frage des Geldes« Thomas Kaiser » Als Händler muss man heute digital sichtbar sein. Es reicht nicht, den Laden morgens auf- und abends wieder zuzusperren« Simone Mader

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ2MDE5