Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'22 -Südlicher Oberrhein

45 11 | 2022 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Ein Jahrhundert Emil Scheibel Schwarzwald-Brennerei Mit Hochprozentigem in die Welt KAPPELRODECK. In der Gold-Destille prangt ein goldenes Blatt auf der Verkaufstheke, über die Tag für Tag zahlreiche Edelbrände an Kunden aus nah und fern verkauft werden. Das Logo symbolisiert das Fundament der Schwarzwald-Brennerei, die Ende letzten Jahres ihr 100. Jubiläum feiern konnte: Die Bäume und Sträucher, an denen die Früchte für Kirschwasser, Himbeergeist, William Christ Birne und viele weitere Edelbrände reifen. 1921 kaufte Emil Scheibel den alten Schwarzwaldhof in Kappelro- deck, der bis heute Sitz der Emil Scheibel Schwarzwald-Brennerei GmbH ist, und schuf die Basis für einen Betrieb, der unter seinem Erben Louis und später dessen Sohn Michael Scheibel den Namen zu einem Markenbegriff für Schwarzwälder Edelbrände machte. Louis Scheibel schlug in den 1950er Jahren eine neue Vermark- tungsstrategie ein. Mit der Teilnahme an Fachmessen und dem Fokus auf die Flaschenvermarktung platzierte er den Schnaps in den Kaufhäusern. Einen regelrechten Hype löste in den 1950er Jahren die „Schwarzwaldlaterne“ aus, eine vierkantige Flasche gefüllt mit Himbeergeist, die im Glasboden über ein Schweizer Musikwerk verfügt. In die Markenbildung, das Flaschendesign und die Benen- nung der Produkte investieren Inhaber Michael Scheibel und Ge- schäftsführer Raphael Sackmann auch heute noch viel Kreativität. „Es ist wichtig, ein wenig anders zu sein und ausgetretene Wege zu verlassen“, sagt Scheibel. Der Schwarzwaldhof beherbergt zwei Brennereien. Die Brennanlage „Alte Zeit“ wurde 1990 in Betrieb genommen. Hier wird seither – laut Scheibel einmalig bei einer deutschen gewerblichen Brennerei – ganz traditionell über dem offenen Holzfeuer destilliert. Seltene, rare Früchte bilden die Basis für die „maskulinen“ Destillate der „Al- ten Zeit“. Mit Inbetriebnahme entschließt sich das Haus, nur noch den Fachhandel zu bedienen; eine Entscheidung mit der zunächst auch Umsatzausfälle einhergehen. „Rückblickend war das für uns aber ein wichtiger Meilenstein“, sagt Michael Scheibel. Die Brände werden zunehmend von der gehobenen Gastronomie empfohlen. „Das ist eine Auszeichnung und auch ein wichtiger Werbeträger.“ Gefiltert über Gold Die zweite Brennerei, die „Neue Zeit“, - gebaut 2009 - ist das mo- derne Gegenstück zur Feueridylle. Hier kommt statt knisterndem Feuer Präzisionstechnik zum Einsatz. Das Herz der Anlage bilden die 22-Karat-Goldplatten, eine Art Katalysator, über den Schwefel, Säure und Fruchtfette, die bei der Destillation entstehen, abgefan- gen werden. Auch dies sei deutschlandweit einmalig, sagt Scheibel. Durch die Goldfilterung sollen die Edelbrände filigraner und milder schmecken als andere Obstbrände. Drittes Highlight ist die Whiskybrennerei, für die Michael Scheibel die benachbarte Mühle seiner Familie zu neuem Leben erweckte. Er scheute keine Kosten und Mühen, um das Gebäude, das jahrelang nur noch zur Stromerzeugung aus Wasser genutzt wurde, zu sanie- ren und dort eine eigene Destille zu installieren. Ende 2014 legte der Chef-Destillateur los. Damit die Destillate als Whisky verkauft wer- den dürfen, müssen sie mindestens drei Jahre lagern. Den Kaufbeleg für den ersten Whisky, der über die Theke ging, haben Sackmann und Scheibel aufbewahrt. Das war im Juli 2018 um 13.13 Uhr. Eine Schnapszahl, so wie auch das Geburtsdatum des Großvaters Emil Scheibel, der am 11.11.1899 geboren wurde. „Das kann kein Zufall sein“, schmunzelt Michael Scheibel. Der Großvater habe da wohl seine Finger im Spiel gehabt. Besucher können die Brennereien und die Mühle besichtigen, sich die Verfahren erklären lassen und die Produkte probieren. Gleiches gilt für Hotelfachschulen, Restaurantpersonal und Azubis. „Die mitt- lere und gehobene Gastronomie spielt für uns eine wichtige Rolle als Showroom und Multiplikator. Deswegen beraten und erklären wir gerne und ausführlich“, sagt Geschäftsführer Raphael Sackmann. Über mangelnde Präsenz kann sich der 35 Mitarbeiter starke Betrieb nicht beklagen: Scheibel-Schnäpse gibt es im KaDeWe in Berlin, in der gehobenen Küche auf Deutschlands Promi-Insel Sylt, in der Businesslounge der Lufthansa und sie werden im Bundeskanzler- und Präsidialamt zu Terminen mit ausländischen Gästen angeboten. Die Kappelrodecker Brände haben es zudem weit über die Landes- grenzen geschafft: Das Kirschwasser aus dem Schwarzwald erfreut sich zum Beispiel auch in Australien und Japan großer Beliebtheit. Während der Pandemie blieb der Absatz konstant gut. Sorge bereitet eher die Rohstoffversorgung. Die Lieferzeiten für die Spezialflaschen und Etiketten haben sich teilweise dramatisch verlängert. 2021 wurde trotz allgemeiner Krisenstimmung eine neue Lagerhal- le mit drei Etagen und insgesamt 1.150 Quadratmetern errichtet, wodurch sich die Betriebsfläche um ein Drittel vergrößert. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach soll folgen. Der Energiekrise bli- cken Sackmann und Scheibel verhalten stoisch entgegen. Man habe die Auslastung des Brennbetriebs noch einmal deutlich optimiert und außerdem ausreichend Destillate vorrätig, so dass man in den nächsten Monaten nicht zwingend neu brennen müsste. Ein erheblich freudigeres Thema ist die anstehende jährliche Öff- nung der hauseigenen „Schatzkammer“. Hier lagern Brände aus alten, teilweise fast vergessenen Obstsorten. Zudem dürfen sich die Scheibel-Fans in diesem Jahr noch auf ein limitiertes „Goldstück“ freuen. Was dies genau ist? Das Geheimnis wird am 11.11 gelüftet. Eine Schnapszahl, natürlich. db Von links: Die beiden Inhaber Michael Scheibel und seine Schwester Martina sowie Geschäftsführer Raphael Sackmann vor dem Unternehmenssitz in Kappelrodeck.

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