Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe November'22 - Hochrhein-Bodensee
52 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 11 | 2022 Themen & Trends Herr Karle, der Claim Ihres Unternehmens lautet „Zukunft sichern“. Wie sicher können sich Unternehmen angesichts der sich überlagernden globalen Krisen noch sein – oder wie sicher können sie sich die Zukunft machen? Florian Karle: Auf Südvers bezogen kann ich sagen, wir haben einen guten Branchenmix und sehen die Zukunft als ziemlich sicher an. Und für unsere Kunden ist unser Anliegen, dass es ihnen gut geht und sie in ihrem Feld operieren und produzieren können. Aber wir sehen auch: In Krisenzeiten steigt der Bera- tungsbedarf massiv. Völlig egal, welche Krise – 9/11, Finanzkrise, die Blockade vom Suezka- nal, Fukushima – jetzt der Krieg in der Ukraine. Sichern Unternehmen heute mehr Risiken ab als vor 20 Jahren? Es sind Risiken hinzugekommen. Statistisch lagen vor 20 Jahren Themen rund um Anlage- vermögen auf Platz 1 der versicherten Risiken: Sachwerte entlang der Wertschöpfungsket- te. Das ist geblieben. Auf Platz 2 heute: das Thema Cybercrime. Das ist neu. Seit Corona arbeiten viele im Homeoffice, speichern Daten in Clouds, das ist hochförderlich für Cyber- attacken. Denken Sie auch an neue Kriegs- varianten. Es ist heute möglich, gezielte Attacken gegen ein ganzes Land zu fahren. Das gab es vor 20 Jahren nicht. Und es gibt für einige Risikolagen neue Lösungen im Markt, die es früher so nicht gab, etwa Warrenty & Indemnity-Produkte (kurz W&I-Versicherung, auch Gewährleistungsversicherung genannt), die bei Konsolidierungsgeschäften Kauf- und Verkaufsrisiken abdecken, die potenziell zu Vermögensschäden führen können. Sie haben den Krieg in der Ukraine ange- sprochen. Können Versicherungen Unter- nehmen da eine Entlastung bieten? Ich würde gern über Fakten sprechen: Krieg bedeutet den Ausschluss vom Versicherungs- schutz. Es gibt die Kriegsklausel, welche alle kausalen Zusammenhänge mit und in dem Land Ukraine vom Schutz ausschließt. Auch Sanktionen, in diesem Fall gegen Russland, haben massive Folgen für Versicherungen und für Versicherungsnehmer. Wer mit Russland Geschäfte macht, ist vom Schutz ausgeschlos- sen – seit dem Tag, an dem die Sanktionen be- schlossen wurden. Das wissen die wenigsten. Die Folge: Wer Geschäfte in Russland macht, kann nur noch dort vor Ort versichern. Was bedeutet das für industrielle Betriebe, die Produktionsstätten, Vertriebsorganisati- onen oder Ähnliches in Russland haben? Die haben von heute auf morgen ihren Versi- cherungsschutz erstmal verloren. Viele Firmen haben sich deshalb entschieden, ihr Geschäft an das lokale Management zu übertragen. In unserer Branche gab es das auch schon, zu- letzt 1939. Die internationalen Versicherungs- makler haben damals gesagt, wir übertragen die Gesellschaften an das Management vor Ort. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Wir versuchen mit viel Transparenz klarzustel- len, was möglich ist. In den vom Krieg betroffe- nen Ländern derzeit so gut wie nichts. Egal, ob Krieg, Klima oder Pandemie: Daraus resultieren oft auch indirekt Pro- duktionsausfälle. Und schon einen kleinen Betrieb kann bereits eine Stunde Ausfall mehrere tausend Euro kosten. Lässt sich da was absichern? Es kommt auf die Ursache an. Wenn wir den Krieg mal als Beispiel nehmen: Russland ist jetzt Sperrgebiet. Man muss große Umwege Unternehmerische Risikovorsorge » In Krisenzeiten steigt der Beratungs- bedarf massiv « Von Coronakrise über Rohstoffmangel bis Klimaveränderung und Kriege: Die globale Politik- und Wirtschaftslage mutet Unternehmen immer schwierigere Rahmenbedingungen zu. Die Risiken sind für Firmen zunehmend schwerer zu beherrschen. Wie viel davon lässt sich noch über Versicherungen auffangen? Welche Stellschrauben gibt es darüberhinaus? Ein Gespräch mit Florian Karle, dem geschäftsführenden Gesellschafter des Freiburger Versicherungsmaklers „SÜDVERS“. »Versicherungen helfen in Teilaspekten, sicher auch als Fels in der Brandung. Sie lösen die eigentlichen Kundenthemen aber nicht« Bild: Adobe Stock/Orlando Florin Rosu
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