Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'22 -Südlicher Oberrhein

22 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 10 | 2022 REGIO REPORT   IHK Südlicher Oberrhein Frau Müller-Reinke, das Modell der Teilzeitausbildung wird nur sehr wenig genutzt. Woran liegt das? Sandra Müller-Reinke: Ja, leider sind die Zahlen so gering. Das Modell ist leider im- mer noch sehr unbekannt. Hinzu kommen viele Vorbehalte. Unter anderem glauben sowohl Arbeitnehmer als auch potenzielle Auszubildende, dass die Teilzeitausbildung sehr kompliziert ist. … und das ist sie nicht? Nein. Letztendlich ist es nur eine Frage von frühzeitigen Absprachen und Organisation zwischen Ausbildungsbetrieb und Azubi. Aber so ganz unkompliziert ist es sicher nicht, wenn mein Azubi nur die Hälfte der Zeit in meinem Betrieb ist. In Ihrer Frage findet sich schon ein ganz großes Missverständnis: Teilzeitausbildung heißt nicht unbedingt Reduzierung um die Hälfte. Vielleicht sollte das Modell auch bes- ser „stundenreduzierte Ausbildung“ genannt werden. Dann würde es vermutlich deutlicher. Also ist ein Teilzeit-Azubi nicht unbedingt ein Halbtags-Azubi? Nein, es geht tatsächlich nur um eine Stun- denreduzierung, beispielsweise 30 Stunden statt der 38-Stunden-Woche. Der oder die Auszubildende ist dann drei Tage pro Woche mit sechs Stunden täglich im Betrieb plus zweimal wöchentlich Schule in Vollzeit. Die Kürzung der täglichen oder der wöchentli- chen Ausbildungszeit darf nicht mehr als 50 Prozent betragen. Dann ist die Teilzeitausbildung aber nicht wie gewöhnlich nach drei Jahren abgeschlossen, oder? Sie kann auf bis zu viereinhalb Jahre ver- längert werden. Das muss aber nicht sein. Verkürzungsgründe sind beispielsweise Al- ter, Schulabschluss oder aber auch Erzie- hungszeiten. Dies wird individuell von den Kammern geprüft. Und wie funktioniert das mit der Berufsschule? Sowohl die Ausweitung auf viereinhalb Jahre als auch eine Stunden- reduzierung? Die Berufsschule müssen Teilzeit-Azubis be- suchen wie angeboten. Da gibt es keine Mög- lichkeit der Reduzierung. Und auch bei einer Ausdehnung der Ausbildung auf viereinhalb Jahre müssen die Azubis den schulischen Teil individuell verteilen. … jetzt klingt es doch recht kompliziert. Es braucht sicher eine gewisse Vorarbeit und auch Begleitung während der Ausbildung. Dann kann es gut funktionieren. Da können die Einrichtungen vor Ort helfen, also die IHKs, die Handwerkskammern sowie Bil- dungsträger, die in TZA beraten oder beglei- ten, auch Beauftragte für Chancengleichheit der Agentur für Arbeit oder die Jobcenter. Eine gewisse Flexibilität auf Seiten des Ausbildungsbetriebs ist schon gefragt, oder? Ganz sicher. Aber die sollte aktuell, da viele Betriebe ihre Ausbildungsstellen nicht be- setzen können, sowieso gegeben sein. Wenn eine alleinerziehende Mutter beispielsweise aufgrund der Betreuungszeiten erst um 8 Uhr die Arbeit aufnehmen kann statt wie alle an- deren um 7 Uhr, sollte der Arbeitgeber diese Möglichkeit bieten. Oder ein abgesprochenes Verlassen der Arbeit um 15 Uhr sollte nicht immer wieder mit lustig gemeinten Sprüchen wie „Ach, Du gehst schon?“ kommentiert werden. Was bekommt der Ausbildungsbetrieb denn für die Flexibilität? Teilzeitauszubildende sind häufig Erziehende. Die sind deutlich reifer und oft auch, bedingt durch ihr Alter, fokussierter. Meist sind die Schulnoten auch besser, da sie diese Chance Kinder, pflegebedürftige Angehörige, körperliche Einschränkungen – es gibt viele Gründe, die eine Ausbildung erschweren können. Die Lösung: eine Teilzeitausbildung. Diese Form der Ausbildung ist fest im Berufsbildungsgesetz verankert; am Ende steht ein vollwertiger Abschluss. Doch sind die Angebote auf Seiten der Ausbildungsbetriebe, aber auch die Nachfragen auf Seiten potenzieller Auszubildender verschwindend gering. Wo es hakt, erzählt Sandra Müller-Reinke im Interview. Für die Projektreferentin Netzwerk Teilzeitausbildung Baden-Württemberg ist es eine Herzensangelegenheit, das Thema bekannter zu machen und damit auch die Zahlen zu erhöhen. Wie Teilzeit-Azubis manch offene Ausbildungsstelle verschwinden lassen können Neue Wege bei der Azubisuche Das Netzwerk Das Netzwerk Teilzeitausbildung Baden-Württemberg wurde von der Landesarbeitsgemeinschaft Mäd- chenpolitik Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit Akteuren im Ar- beitsfeld der Teilzeitausbildung 2011 gegründet. Es ist im Rahmen des Mo- dellversuchs „Qualifizierungsprojekt zur Entwicklung regionaler Akquise- und Betriebsbegleitungsstrategien für spezielle Ausbildungsplatzbedürfnisse am Beispiel der Teilzeitausbildung für junge Mütter und Väter“ entstanden. Bild: Adobe Stock - Brad Pict

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