Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'22 - Hochrhein-Bodensee

52 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 10 | 2022 Themen & Trends D er Austausch von Pollerleuchten beschäf- tigt bei der Waldkircher Sick AG längst nicht nur das Gebäudemanagement, sondern auch Regina Bührer. Als „Environmental Ma- nager“ kümmert sie sich unter anderem um das Thema Biodiversität, eines von 15 Hand- lungsfeldern der auf ökologische Aspekte aus- gerichteten Nachhaltigkeitsstrategie des Sen- sorherstellers. Wie Kunstlicht und Artenvielfalt zusammenhängen, erklärt Bührer so: „Dauer- hafte Beleuchtung stört den natürlichen Tag- Nacht-Rhythmus von Menschen und Tieren und wird besonders für nachtaktive Tiere zum tödlichen Risiko.“ Fluginsekten zum Beispiel würden von tageslichtähnlicher Beleuchtung, also kurzwelligem, kaltweißen Licht mit hohem UV- oder Blauanteil, magisch angezogen. „Sie können dem Drang, um die Lichtquellen zu kreisen, kaum widerstehen. Am Ende sterben sie vor Erschöpfung oder flattern in das Ge- häuse der Leuchte und verbrennen.“ In Firmen eher unbekannt So oder so, fehlen sie damit als Nahrung, sagt Anke Heidemüller und verweist auf die negativen Folgen für alle Tiere, die in der Nah- rungskette hinter ihnen stehen. Heidemüller leitet das Projekt „UnternehmensNatur“ beim Naturschutzbund (Nabu) Baden-Württemberg. Das Projektteam von Nabu und Flächenagen- tur Baden-Württemberg berät Firmen kosten- los, so wie Sick, die ihre Außenflächen natur- nah gestalten möchten. „Bei aller Sensibilität für Nachhaltigkeit läuft das Thema Lichtver- schmutzung auf Unternehmensseite im All- gemeinen eher unter dem Radar“, resümiert die Expertin. „Dabei bieten Firmengelände große Potenziale, um das Insektensterben zu reduzieren und die Biodiversität vor Ort zu stärken.“ Zuviel Licht nachts stört die Natur zu jeder Zeit Als Faustregel gilt: Je dunkler, desto besser können sich Nachtschwärmer – zu denen ne- ben Insekten auch Fledermäuse, Zugvögel und Co. zählen – am Mond orientieren. „Es gibt sicherheitsrelevante Beleuchtungsvorschrif- ten, die selbstverständlich eingehalten werden müssen. Die Fassade aus optischen Gründen nachts zu beleuchten, zählt aber nicht dazu“, merkt Anke Heidemüller an. Eine Zeitschaltuhr kann den Lichteinsatz in diesem Fall bedarfs- gerecht steuern, ebenso wie Bewegungsmel- der auf nur gelegentlich genutzten Wegen. Bei- de Ansätze helfen langfristig auch, Ressourcen und Kosten zu sparen. Ebenso entscheidend: die Wahl der Leuchtmittel und Lampenform. (Worauf bei Farbtemperatur, Beleuchtungs- stärke und Gehäuse zu achten ist, erklärt der Infokasten rechts.) Hinzu kommt: Lichtver- schmutzung stört auch den Schlaf tagaktiver Tiere, sodass sie sich deswegen mitunter vom Gelände zurückziehen. Das verringert ihren durch kontinuierliche Flächenversiegelung (mehr als 50 Hektar am Tag) ohnehin schon knapper werdenden Lebensraum zusätzlich. Weniger Habitate für die einen heißt auch: weniger Jagdgründe für die anderen. Überschaubarer Aufwand Im Februar 2022 hat das Team vom Projekt „UnternehmensNatur“ Sick besucht, um zu beraten, wie Firmenflächen naturnah erschlos- sen werden können. Ein Punkt des Maßnah- menkatalogs, den das Team rund um Regina Bührer an die Hand bekam, war, die Außenbe- leuchtung insektenfreundlicher zu gestalten. „Das hat zeitlich gut gepasst, da 70 Poller- leuchten ohnehin gerade ausgetauscht werden müssen“, sagt die Umweltmanagerin. Sie hat mit den Projektverantwortlichen machbare Optionen besprochen, die dann umgesetzt wurden. Um in Zukunft bei diesem Thema an allen Sick-Standorten gleich gut aufgestellt zu sein, wurde das interne Lastenheft angepasst und beinhaltet nun nicht mehr nur Anforderung an Hersteller- und Nachkaufgarantie, Lebens- dauer und Ersatzteilbeschaffung, sondern Nachhaltige Betriebsgelände Damit Falter nicht abschwirren Leuchtreklame, angestrahlte Fassaden, inszenierte Produkte im Showroom: Im Dunkeln erfüllt Licht auf Firmengeländen oft rein dekorative Zwecke – und birgt gleichzeitig ein vielschichtiges Risiko für Insekten und andere (nachtaktive) Tiere. Wie Unternehmen Lichtverschmutzung vermeiden, Ressourcen schonen und Lebensräume erhalten. Bild: Adobe Stock/Coredesign Um 76% hat sich die Biomasse von Flug­ insekten zwischen 1989 und 2014 in deutschen Schutz­ gebieten reduziert. Quelle: Bundesamt für Natur- schutz/Krefeld-Studie des Ento- mologischen Vereins Krefeld

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