Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'22 - Hochrhein-Bodensee

9 10 | 2022 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten ertragsreichsten Lösungen, weil allzuoft dann „nur“ über die Immobilie und nicht auch den kompletten Geschäftsbetrieb verhandelt wird. Andererseits sind es immerhin Lösungen. IHK-Beraterin Christina Gehri glaubt schon, dass das gegenseitige Interesse auch in den jetzt gebeutelten Branchen wieder steigen kann: „Es muss für Überneh- mer ja nicht immer das sensationelle Start-up sein, es macht ja schon Sinn, in eine bestehende Infrastruktur und ein anerkanntes Geschäftsmodell zu investieren.“ Trotzdem, der Mangel an qualifizierten Fachkräften in Verbindung mit steigenden Personalkosten sowie hohen und absehbar weiter steigenden Energiekosten veranlasst derzeit viele Inhaber vor allem kleinerer Be- triebe, über die Schließung nachzudenken, berichtet Gehri. Eine Frage der Chemie Während es in den bekannten Problembranchen ak- tuell wirklich düster aussehe, gebe es in der Nische gute Chancen, stellt Alexander Vatovac fest, Leiter des Geschäftsfeldes Existenzgründung und Unterneh- mensförderung bei der IHK Hochrhein-Bodensee: „Ein Unternehmen aus Lörrach, das sich auf die Herstellung hochwertiger Zifferblätter für Uhren spezialisiert hatte und Verträge mit bekannten Marken besitzt, konnte schnell übergeben werden, ebenso wie ein Hersteller von Schmiermitteln für den holzverarbeitenden Ma- schinenbau.“ Auch eine kleine Firma aus dem Kreis Konstanz, die Dienstleistungen im Bereich Schäd- lingsbekämpfung anbot und mit Einzelhandelsketten Verträge besitzt, fand schnell einen neuen Eigentümer. Positiv vermerkt IHK-Beraterin Gehri, dass sich zahlrei- che Unternehmerinnen und Unternehmer angesichts der Umstände jetzt wirklich frühzeitig und strukturiert um eine Nachfolge bemühen. So ist auch Hugo Sprenker seinerzeit das Thema an- gegangen, um sein Immobilienunternehmen in neue Hände zu übergeben. Für einige Bereiche war schnell eine Lösung gefunden, ein früherer Prokurist übernahm beispielsweise einen Teil der Firma, auch eine Zweig- stelle in Leipzig wechselte zügig den Besitzer. Nur für den Stammsitz in Freiburg ließ sich, trotz mehrerer Anläufe mit fachlich gut geeigneten Kandi- daten, kein überzeugender Nachfolger finden. Dafür gewann Sprenker eine wichtige Erkenntnis: Es muss nicht immer zwingend jemand sein, der die perfekte Qualifikation schon mitbringt. Es kann auch zielführend sein, einen Nachfolger aufzubauen. Einen, mit dem die Chemie stimmt und der die Bereitschaft mitbringt, das Notwendige zu erlernen. „Da muss man dann die Chance ergreifen, wenn man sicher ist, dass das Menschliche passt“, sagt Hugo Sprenker. Er fand die gleiche Wellenlänge schließlich vor fünf Jahren bei Raoul Röder, auf Empfehlung eines Freundes hin. Nach einigen Jahren der Zusammenarbeit hat der Anfang Siebzigjährige inzwischen alle Gesellschafts- anteile an den Anfang Vierzigjährigen übergeben, das Unternehmen trägt bereits seit einiger Zeit mit „Spren- ker & Röder Immobilien GmbH“ beider Namen und bei Bedarf arbeitet der Senior noch immer mit. Größere Firmen sind für Investment- gesellschaften interessant Einen recht innovativen Weg, den Generationswechsel vorzubereiten, sind die Gründer und Geschäftsführer der „Nissen & Velten Software GmbH“ in Stockach, Jörg Nissen und Günter Velten, gegangen. Das Un- ternehmen bietet Branchensoftwarelösungen für den technischen Handel, den Stahlhandel und den SHK- Großhandel an. Weil keine familieninterne Nachfolge in Betracht kommt, haben Nissen und Velten im Frühjahr ihre Anteile an den strategischen Investor Main Capi- tal Partners übertragen und das Unternehmen damit gleichzeitig in einen neuen Verbund sich ergänzender Softwareunternehmen eingebracht. „Nissen & Velten“ ist nun eines von vier Mitgliedern der neu gegründeten „enventa Group“ mit Sitz in Karlsruhe. Beide Geschäftsführer werden auch nach dem Verkauf weiter in der Verantwortung für das Unternehmen stehen, heißt es in einer Presseinfor- mation, in der Günter Velten ergänzt: „Wir sehen das DAS HAFTUNGSRISIKO LOSWERDEN Verkäufe mittelständischer Unternehmen können scheitern, weil in den Ver- kaufsverhandlungen Preis- und Haftungsfragen nicht geklärt werden können – Problemfelder, die bei Übergaben innerhalb der Familie nicht so explizit auf- treten. Deshalb setzen sich Transaktionsversicherungen in Deutschland insbe- sondere bei Verkäufen an Private-Equity-Gesellschaften zunehmend durch. Die sogenanntenWarranty&Indemnity-Policen (W+I, steht für Garantiezusagen und Haftungsfreistellungen) erlauben Verkäufern einen „Clean Exit“. Das heißt: Eventuell nach dem Verkauf aufkommende unbekannte Risiken werden von einer Versicherung gedeckt. Grundlage jedes Unternehmensverkaufs mit einer W+I-Police ist eine einge- hende Due Diligence, also die genaue Überprüfung der Gesamtorganisation und insbesondere der Vermögenslage des Unternehmens. Darauf setzt eine Police auf. Versichert werden zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht bekannte Ri- siken. Tritt dann später zum Beispiel der Vorwurf einer Patentverletzung, eine Steuernachforderung oder eine anderweitig nicht vorhersehbare Belastung ein, hat sich der Käufer an die Versicherung zu wenden.Allerdings können einzelne Sachverhalte aus dem Umfang einer Police herausgenommen werden, wie es derzeit für Cybersicherheit praktiziert wird. Dafür lassen sich inzwischen sogar bekannte oder schwebende Risiken versi- chern, zum Beispiel wenn Altlasten auf dem Unternehmensgelände vermutet werden oder eine Steuersache gerichtlich anhängig zu werden droht. Diese Absicherungen heißen Contingent Risk Police. Marktteilnehmer sehen W+I- Policen bei Unternehmenswerten ab 20 Millionen Euro als sinnvoll an, wobei in der Regel dabei rund 20 Prozent des Unternehmenswertes versichert wer- den. Die Kosten für die Versicherungsprämie trägt in der Regel der Käufer als Versicherungsnehmer. SP »Wir haben eine deutlich gestiegene Zahl von Anfragen für Überga- ben, aber das Interesse an Übernahmen ist ebenfalls auf hohem Niveau« Maik Schirling , IHK Schwarzwald- Baar-Heuberg

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