Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'22 - Hochrhein-Bodensee

9 9 | 2022 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Junge Wilde: Die Burg, Aasen Kulinarisches Investment Ein gehobenes Restaurant samtWeinbar und Tagungsräumen, zwölf Hotelzim- mer und eine Ferienwohnung – Dass „Die Burg“ in Donaueschingen-Aasen nach fast zehn Jahren Leerstand 2017 zu neuem Leben erwachte, wäre oh- ne die Konstellation „Alter Hase trifft junge Wilde“ kaum denkbar gewesen. Der alte Hase ist Horst Hall, Mitte der 1990er Jahre Gründer der AP&S Inter- national GmbH, die in Aasen Nasspro- zessanlagen für die Halbleiterindustrie fertigt, und zugleich Dorfvorsteher dort. Die jungen Wilden sind Jason und Ni- klas Grom (im Bild von rechts) und seit 2017 Pächter der Burg, die Hall 2016 erworben und mit ihnen gemein- sam renoviert hat. „So eine Chance bekommt man nicht so häufig“, sagt Niklas Grom, Restaurantleiter und Som- melier, während Bruder Jason die Küche verantwortet. „Selbstständig machen mit jemandem, der einem finanziell den Rücken ein Stück weit freihält und auch noch unternehmerische Erfahrung mit- bringt ...“ Diese haben sie gerade zu Anfang gerne genutzt, denn vieles – von Buchhaltung bis Finanzierung – war für die beiden Junggastronomen trotz Sterneküche-Erfahrung komplettes Neuland. „Da haben wir sehr profitiert.“ Heute kaufen die Brüder für ihr inzwischen 30 Mitarbeiter starkes Unternehmen noch die Buchhaltung und die Erstellung der Monatsabschlüsse bei AP&S ein. Aber auch umgekehrt wurde ein Schuh draus: die Firma und der Ortsteil Aasen erhielten mit der Burg wieder ein Übernachtungs- und Gastronomieangebot vor der Haustür. AP&S ist ein gewisses Kontingent an Hotelzimmern und die Ferienwohnung eingeräumt, sowie Sonderkonditionen fürs Essen und Tagen. 2023 läuft der Pachtvertrag der „burg-aasen GmbH“ aus. Dann möchte das Unternehmerehepaar Hall als Mitgesellschafter langsam aussteigen, berichtet Grom, und den jungenWilden das Feld allein überlassen. uh Bild: Nico Pudimat wozu solch ein Kon- takt dann führt und inspiriert. Ist ein etabliertes Unter- nehmen auf der Suche nach Start-ups mit bestimmten Tech- nologien, können IHKs und andere Gründungsinitiativen bei der Suche, beim Matchen und Anbahnen helfen. Und auch bei der Zusammenarbeit muss man erst zueinander finden. Denn selbst, wenn vieles Klischee ist, Traditions- unternehmen brauchen in den Augen der Gründer den- noch oft irritierend lange für Entscheidungen, während der Nachwuchs nach Meinung der Etablierten schon etwas unbedarft und lax an komplexe Sachverhalte geht. „Lieber erstmal klein anfangen, mit einem Start-up und einem Projekt, das man dann tatsächlich realisiert und in seinen Effekten bewerten kann, als sich mit vielen Baustellen zu verzetteln“, rät deshalb Christian Müller. Projekte sind ohnehin die bei etablierten Unternehmen bevorzugte Kooperationsform mit Start-ups, wie eine Studie des Beratungsunternehmens Campana Schott 2018 ergab (siehe Grafik Seite 7) – weil man sich damit höhere Erfolgschancen ausrechnet als mit allgemeinen Förderprogrammen. „Am Anfang kann es immer mal holpern, weil man eben aus unterschiedlichen Welten kommt. Aber die Einsicht, dass die Zusammenarbeit mehr Vor- als Nach- teile hat, setzt sich meist durch“, stellt Alexander Va- tovac, Leiter des Geschäftsfeldes Existenzgründung und Unternehmensförderung bei der IHK Hochrhein- Bodensee, beruhigend fest. In der Campana-Schott- Studie sah jedes zweite etablierte Unternehmen tat- sächlich als größte Gefahr für den Erfolg die fehlende Bereitschaft des eigenen Unternehmens zur Koope- ration mit dem Start-up. Nur 12,5 Prozent zogen die Hingabe des Nachwuchses in Zweifel. Alter Hase/junger Wilder: Christian Funk Holding, Offenburg Das Beste aus analoger und Onlinewelt „Oft investieren Unternehmen in Start-ups, um neues Wissen zu integrieren. Bei ‚Con- version Maker‘ ist es ein wenig andersherum: Das Start-up profitiert von dem Know-how, das die Holding über Jahre gesammelt hat“, sagt Christian Funk (im Bild), Geschäftsführer der Christian Funk Holding GmbH & Co. KG mit Sitz in Offenburg. Die Idee für eine Software, die auto- matisch Marketingtexte nach verkaufspsychologi- schen Maßstäben optimiert, entstand bei einem Praktikum in der Onlinemarketing-Abteilung, das sich der „aus der analogen Welt“ stammende Funk selbst verordnet hatte. Gemeinsam mit Mi- chael Witzenleiter, späterem Gründer und CEO von Conversion Ma- ker, entwickelte er die Idee für die Software, die bereits im Markt befindliche Technologien, um Webseiten und Verkaufspro- zesse zu verbessern, mit dem psychologischen Wissen kombiniert, „das wir uns über Jahre mit der Erstellung von Millionen von Werbemitteln erarbeitet haben,“ sagt Funk. Realisiert wird das Projekt über ein sogenanntes Corporate Start-up: Das jungeTeam, das imMoment aus 20 Personen besteht, arbeitet eigenständig , kann aber auf die Ressourcen der Holding zurückgreifen, wie etwa Buchhaltung und Controlling. Im Februar wurde das Programm gelauncht, zunächst mit Fokus auf Textoptimierung. „Als nächstes planen wir ein Modul, das mithilfe von KI die Bildauswahl auf Webseiten verbessert, um so die Conversion Rate zu optimieren“, sagt Witzenleiter. Die Software soll intern genutzt, vor allem aber an den Markt gebracht werden – auch international. „Dadurch, dass Conversion Maker ein Start-up ist, an dem wir mehrheitlich beteiligt sind, haben wir natür- lich größere Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten, als wenn wir nur fünf Prozent einer Firma halten“, sagt Funk. Die Christian Funk Holding hat kürzlich vier Millionen Euro in die weitere Entwicklung der Software investiert. db Zeichnung: Adobe Stock/Blankstock

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