Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe September'22 - Hochrhein-Bodensee
8 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 9 | 2022 titel Alter Hase: Südvers, Au bei Freiburg Eine eigene Firma für Innovationen In neue Technologien investieren und die Komfortzone verlassen, um Kunden Mehrwerte bieten zu können: So lautet die Philosophie des familiengeführten, global tätigen Versicherungs- und Risikoexperten Südvers aus Au bei Freiburg, wenn es um Beteiligungen an nationalen und internationalen Start-ups geht. „Wir haben 2020 die Südvers Invest GmbH gegründet, um unsere Investiti- onstätigkeiten vom Kerngeschäft zu trennen. Scheitert ein Start-up, bleiben die Folgen im Südvers-Kerngeschäft aus“, sagt Südvers-Prokuristin Nina Hart- mann . Die GmbH verfüge über ein festes Budget, das sie in Start-ups aus den Branchen Cybersecurity und Insuretech investiere, die sich noch in der Pre-Seed- oder Seed-Phase befänden. „Frühphasenförderung ist weniger kapitalintensiv, sodass wir günstig Zugang zu neuen Geschäftsmodellen und Technologien bekommen und dar- über Mehrwerte für unsere Kunden generieren. Seien es KI-gestützte Kollisionswarner für Motorradfahrer oder digitale Lösungen zur Nachlassverwaltung“, erklärt Hartmann. „Wir unterstützen aber nicht nur finanziell, sondern helfen dem Gründerteammit unseremWissen und unseren Kontakten, Produkte zu entwickeln und am Markt zu platzieren. EineWin-win-Situation.“ Im besten Fall. Denn: Laut Hartmann gelingt es acht von zehn Start- ups im Allgemeinen nicht, sich zu etablieren. Dennoch über- wiegen für die Unternehmerin, die auch privat in Start-ups investiert ist, die Vorteile: „Für mich ist es eine Form der Weiterbildung. Ich halte mich auf dem neuesten Stand und lerne jenseits meines Tagesgeschäfts viel dazu.“ Mit ihrem Engagement als Mentorin im Investorinnen-Netzwerk „Encourage Ventures“, das sich auf Gründerinnen fokussiert, zeigt sie zudem: Investitionen müssen nicht immer monetär sein. Sie können auch darin bestehen, Start-ups an die Hand zu nehmen. „Das ist ein bisschen so, wie selbst nochmal zu gründen. Nur mit weniger schlaflosen Nächten.“ ks die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Region, wie Alwin Wagner, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein, kürzlich auf einer Mitgliederveran- staltung betonte. Zum einen seien junge Unternehmen die Arbeitgeber der Zukunft – und möglicherweise dann auch große Arbeitgeber. Zum anderen wird eine Regi- on durch spannende Unternehmen und eine lebendige Gründerszene insgesamt attraktiv. Das zieht Fachkräfte, Know-how, Investitionen, Infrastruktur. Es geht auch ohne Kapital Die Bandbreite der Möglichkeiten für etablierte Unter- nehmen, sich in der Gründerszene einzubringen, ist groß und reicht von der Unternehmensbeteiligung, in der dann tatsächlich Kapital fließt, bis zu sehr niedrigschwelligen Vortragsangeboten auf Gründerveranstaltungen. Expertise aus erster Hand wird vom Nachwuchs sehr geschätzt, weiß Maik Schirling, Gründungsberater bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, und skizziert bei- spielhaft das Konzept der Gründergarage, einem Inten- sivcoaching für fortgeschrittene Gründer, das seine IHK zweimal pro Jahr startet (mehr siehe Kasten Seite 11). „Nachdem die Gründer über vier Monate Schulungen zu allen gründungsrelevanten Themen hatten, haben sie die Möglichkeit, sich einen Paten zu für sie bedeutsamen Themen zu wünschen. Sei es einen Experten für Kun- denakquise , Markenaufbau oder Socialmedia-Strategi- en“. Rund 50 der bislang 65 Gründergarage-Absolventen haben das Angebot in Anspruch genommen. Schirling und seine Kollegen sprechen dann Unternehmer aus der Region an, die passen könnten. „Und die Bereitschaft mitzumachen, ist ausgesprochen groß“, berichtet er. Gut 80 Prozent sagen zu und sind gerne bereit, für Fragen zur Verfügung zu stehen. „Es ist ein überschaubares, sehr spezifisches Engagement, auf das sich die Mento- ren gerne einlassen. Die haben Spaß am Coaching, die Gründer sind dankbar und nicht selten entstehen daraus langjährige Kontakte und Freundschaften.“ Ähnliche Angebote haben auch die anderen IHKs und Gründungsinitiativen (siehe Kasten Seite 11). Überall sind Unternehmen, die bereit sind, ihr Know-how zu teilen, heiß begehrt, sei es, dass sich jemand mit dem Bau von Prototypen auskennt, bestimmte Herstellungsprozesse erklären kann oder über die Abläufe in Kliniken Bescheid weiß. „Es bringt den Gründern unglaublich viel, einfach mal eine Stunde mit solch einem Fachmann zusammen- zusitzen“, weiß Malaika Lauk vom BadenCampus. Beziehungshelfer manchmal sinnvoll Die Beispiele zeigen auch, dass Start-up-Engagement sehr wohl ohne großen Kapitaleinsatz funktionieren kann und auch etwas für kleine und kleinste Unternehmen ist. Um zu erklären, was eine gute Webseite ausmacht, braucht man kein Konzern zu sein. Und auch ein kleiner Einzelhändler hat bereits Personal geführt, Abrechnun- gen gemacht und Preise kalkuliert. Erfahrungen, die einem Gründer noch bevorstehen und bei denen man ihm freundlich unter die Arme greifen kann. Wer weiß, Finanzierung nicht gründlich genug durchdacht Wo der Rat von Etablierten helfen könnte Die Top-6-Aspekte bei frischen Geschäftskonzepten, an denen es bei Gründern in den IHK-Gründungsberatungen 2021 am häufigsten haperte. 38% Kundennutzen der Geschäftsidee nicht ausreichend überlegt Konnten Produktidee nicht klar beschreiben Hatten unklare Vorstellungen zur Kundenzielgruppe Umsatzerwartungen zu hoch eingeschätzt Kaufmännische Defizite 34% 31% 22% 33% 31% Quelle: DIHK-Report Unternehmensgründung 2022
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