Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'22 - Hochrhein-Bodensee
64 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2022 Herr Bartels, viele Ukrainer haben Wohnung und Lebensperspektive verloren, haben Schreckliches gesehen, sind traumatisiert und wie der Krieg weitergeht, ist ungewiss. Ist es als Un- ternehmer in dieser Situation überhaupt angebracht, unter ukrainischen Geflüchte- ten nach Mitarbeitern zu suchen? Nicolas Bartels: Da kommt es sicher auf die Art an, wie man das angeht. Arbeit kann Struktur geben, ablenken und für finanzi- elle Stabilität sorgen. Aber man muss sich bewusst sein, dass die Menschen Unter- stützung brauchen, sowohl bei der Arbeits- marktintegration als auch bei der Ankunft in einem Alltag, der gänzlich neu ist. Wenn sich Unternehmen darauf einlassen, kann das zu einem Arbeitsverhältnis führen, von dem beide Seiten profitieren. Dürfen ukrainische Geflüchtete überhaupt arbeiten? Ja. Das wird durch den Paragraf 24 des Auf- enthaltsgesetzes geregelt. Durch den Be- schluss der EU-Staaten gilt er seit dem 4. März auch in Deutschland. Dadurch erhalten die Geflüchteten für zunächst zwei Jahre ei- nen Schutzstatus. Damit verknüpft ist eine uneingeschränkte Arbeitserlaubnis. Bei Fort- bestehen der Gründe kann danach in Abspra- che mit allen Mitgliedsstaaten der Schutz noch einmal um ein Jahr verlängert werden, die Gesamtdauer beträgt also maximal drei Jahre. In der Praxis wird der Aufenthaltstitel zunächst bis zum 4. März 2024 erteilt. Was sollte ein Unternehmen als erstes tun, wenn es ukrainische Geflüchtete einstellen möchte? Den Erhalt der Fiktionsbescheinigung zu organisieren, ist der erste wichtige Schritt. Dabei kann man als künftiger Arbeitgeber unterstützen. Wer aus der Ukraine nach Deutschland geflohen ist und noch auf sei- nen Aufenthaltstitel wartet, darf dennoch eine Beschäftigung aufnehmen oder einen Integrationskurs besuchen. Dafür muss die lokale Ausländerbehörde die sogenannte Fik- tionsbescheinigung ausstellen. Das passiert, sobald man den Aufenthaltstitel beantragt hat. Mit der Fiktionsbescheinigung können auch soziale Leistungen nach dem SGB II (Jobcenter) oder SGB XII (Sozialamt) bean- tragt werden. Was gilt mit Blick auf Auszubildende? Der vorübergehende Schutzstatus ermög- licht jungen Menschen, eine Ausbildung zu absolvieren. Sollte der Schutz vor dem Ausbil- dungsende ablaufen, ist ein Wechsel in einen Aufenthaltstitel zum Zwecke der Ausbildung jederzeit möglich. Momentan lässt sich noch nicht vorhersagen, wie lange die Menschen in Deutschland bleiben werden. Für viele der Neuangekommenen spielen momentan noch ganz elementare Themen eine wichtige Rol- le, wie das Ankommen in einer neuen Stadt, die Unterbringung, die Sprache. Wenn eine Ausbildung begonnen wird, sollte vor allem der Spracherwerb gefördert werden. Für eine erfolgreiche Abschlussprüfung wird in der Regel ein Deutschniveau von B2 empfohlen. Hier sollte die Zeit bis Ausbildungsbeginn genutzt werden, um zum Beispiel mit einem Integrationskurs erste Grundkenntnisse zu erwerben. Wie können Arbeitgeber Geflüchtete generell unterstützen? Neben der Arbeit sollte unbedingt der Alltag mitgedacht werden. Von der Kontoeröffnung über Behördengänge und Schulanmeldung ZUR PERSON Nicolas Bartels ist Projektreferent des „Netzwerks Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ (NUiF), einer Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskam- mertages (DIHK) und der bundesweit größte Zusammenschluss von Unterneh- men, die sich für die Beschäftigung von Geflüchteten engagieren. Die Mitglieds- betriebe erhalten kostenfrei Infomaterial und Beratung rund um die Beschäftigung von Geflüchteten. Zudem finden sich auf der Webseite eine Liste mit Ansprechpart- nern und Kontaktstellen für die Jobver- mittlung sowie aktuelle Informationen zur Ukraine. Die Mitgliedschaft ist kostenfrei. Die Checkliste des NUiF stellt Arbeitgebern praktische Informationen zur Verfügung, wie die Anstellung von Geflüchteten aus der Ukraine erfolgreich gelingen kann. www.unternehmen-integrieren- fluechtlinge.de Bis Ende April sind offiziell rund 390.000 Menschen vor dem Krieg um die Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Einige dieser Menschen werden hierzulande nach Arbeit suchen. Nicolas Bartels vom Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge, einer Initiative des DIHK erklärt, welche Dinge Unternehmer bei der Einstellung beachten müssen. » Beide Seiten können profitieren « Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter Direktlink zum PDF des NUiF: „So gelingt der Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete mit vorüber gehendem Schutz“
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