Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'22 -Südlicher Oberrhein

9 2 | 2022 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten tItel te eine Info über den Verbleib der Originaldokumente hinterlegt sein. Das IHK-Notfall-Handbuch für Unter- nehmen (mehr dazu im Kasten S. 10) dient hierfür als optimaler leitfaden.“ Brigitta Schrempp, Geschäftsführende Gesellschafterin des Softwarehauses Schrempp eDV in lahr und Vize- präsidentin der IHK Südlicher Oberrhein, hat an dem Notfall-Handbuch mitgearbeitet. Sie brachte persönli- che erfahrungen ein: 2012 verunglückte ihr ehemann tödlich, mit dem sie das Unternehmen 1980 gegründet hatte: „Ich war in sämtliche Betriebsabläufe eingebun- den, wir hatten alle Vollmachten, etwa für die Banken, geregelt, und es gab ein testament.“ trotzdem dauerte es, bis das Unternehmen wieder in der Spur war. „Der Umgang mit Behörden ist aufwendig. Man muss einen erbschein beim Amtsgericht beantragen, hinzu kom- men Anforderungen von Finanzamt und No- tariat – alles in einer äußerst schwierigen persönlichen Situation, schließlich hat man seinen lebenspartner verloren.“ Und es galt weitere Fragen zu beantworten: einen tag nach dem tod ihres Mannes ging Schrempp in die Firma, um mit den damals 45 Mitar- beitern zu sprechen; in den folgenden drei Wochen informierte sie Kunden und liefe- ranten. „Um die Kunden zu beruhigen, muss man praktisch ein fertiges Konzept für die Zukunft haben“, sagt Schrempp. Ihr Unternehmen, das auf 85 Mitarbeiter angewachsen ist, hat die Krise gemeistert und zugleich sein Geschäftsfeld fokussiert. Die Sparte Handelssoftware läuft aus, der Schwerpunkt liegt jetzt auf Fertigungssoftware für Industriekunden. Inhaberin Schrempp hat für sich selber die Nachfolge geregelt, indem sie eine bewährte Führungskraft in die Geschäftsführung berufen hat. „eine Nachfolgere- gelung ist ungemein wichtig“, sagt sie. „Dies gilt auch für ehepaare, die ja beide zugleich, etwa bei einem Verkehrsunfall, sterben können.“ »Viele Unternehmer verdrängen, dass sie schon im jungen Alter ausfallen können« Larissa Kratt , IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg, Villingen-Schwenningen Nur etwa jede vierte Firma beschäftigt sich intensiv mit dem Fall, dass der Be­ trieb plötzlich führerlos wird Quelle: IHK Südlicher Oberrhein Doppelten Boden einbauen Sind Kinder vorhanden und haben diese Interesse am Unternehmen, falle die erste Wahl bei der Unterneh- mensnachfolge meist auf ein Familienmitglied, beob- achtet Christina Gehri von der IHK Südlicher Oberrhein in Freiburg. Steuerberater und Rechtsanwalt sollten bei solchen Überlegungen unbedingt einbezogen werden, allein schon, um erbauseinandersetzungen vorzubeu- gen und den erbfall rechtssicher zu klä- ren. Idealerweise werde ein Nachfolger über mehrere Jahre „aufgebaut“, sodass Mitarbeiter, Kunden und lieferanten das Gefühl eines gleitenden Übergangs hätten. „Das setzt voraus, dass der Un- ternehmer frühzeitig bereit ist, Verant- wortung abzugeben“, sagt Gehri. „Wenn alles auf eine einzige Person fixiert ist, steigt das Risiko, dass der Betrieb beim Ausfall des Unternehmers in eine ernste Krise gerät.“ Je nach Branche und Organisation des Unternehmens kann es sogar sinnvoll sein, den Worst Case einer plötzlichen Vakanz nicht nur für die direkte Füh- rungsspitze durchzuspielen und entsprechend vorzu- bauen, sondern auch für Fach- und Führungskräfte in neuralgischen Positionen, wie es derzeit so man- ches Unternehmen angesichts der um sich greifenden Omikron-Variante tut. Bei der HB Brett Holzbau KG teilen sich Geschäftsfüh- rerin Jacqueline Brett, ihr älterer Sohn, ihre tochter und deren ehemann die Aufgaben am Firmensitz in Kehl. Nur der jüngere Sohn ist nicht vor Ort; er hat mittlerweile eine eigene Firma in Karlsruhe. Die toch- ter ist Handlungsbevollmächtigte, aber die anderen Familienmitglieder können ebenfalls Verträge, etwa mit lieferanten, schließen. „Jedes Bauvorhaben ist digital hinterlegt, alle wissen über alles Bescheid“, sagt Brett. „Mir ist wichtig, dass meine Kinder und ich den Betrieb auf Augenhöhe führen. es gibt keine Hierarchie unter uns. Das ist der bessere Weg für unser Unternehmen, wie ich aus dem plötzlichen tod meines Mannes ge- lernt habe.“ Christoph Stehr Ein Drittel aller Unternehmens­ nachfolgen werden durch plötzliche Ereig­ nisse nötig Quelle: IHK München und Oberbayern

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