Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Februar'22 -Südlicher Oberrhein

8 2 | 2022 Zahlen zur Vakanz im Chefsessel Die unterschätzte Gefahr W ie viele kleine und mittlere Unterneh- men sich der Situation tatsächlich stellen müssen, dass Chef oder Chefin plötz- lich und länger ausfallen, dazu existiert keine flächendeckende Statistik. Das hat verschie- dene Gründe: Bei einem Verkauf oder einer Betriebsaufgabe werden die Hintergründe oft nicht publik; zudem fällt die Differenzie- rung zwischen einer geplanten und einer „notfallmäßigen“ Unternehmensnachfolge zuweilen schwer. Und leiten mehrere Ge- schäftsführer oder Gesellschafter das Un- ternehmen, kann der Betrieb weitgehend ungestört weiterlaufen trotz eines Ausfalls an der Spitze. Wenige, regional begrenzte Studien und Um- fragen bringen etwas licht ins Dunkel: So prognostizierte der Sächsische Mittelstands- bericht bis zum Jahr 2020 einen Anteil von 18,7 Prozent an den Unternehmensnach- folgen aufgrund von Krankheit, Unfall oder tod des Firmeninhabers. 65,5 Prozent der Nachfolge seien altersbedingt. laut einer Schätzung der IHK München und Oberbayern aus dem Jahr 2015 wird rund ein Drittel der Unternehmensnachfolgen durch unerwartete ereignisse ausgelöst. Unterm Strich also schon ein Szenario, das man in einer Risikoanalyse und -vorsorge be- denken sollte. trotzdem steht es bei vielen Unternehmern eher unten auf der Dringlich- keitsliste: So ergab eine erhebung der IHK Südlicher Oberrhein im Jahr 2017, dass sich 26,5 Prozent der befragten Unternehmer in- tensiv, 57,4 Prozent ansatzweise und 16,2 Prozent bislang gar nicht mit der Möglichkeit einer überraschenden Vakanz an der Firmen- spitze auseinandergesetzt hatten. 38,6 Pro- zent hatten ein testament, 39 Prozent eine Vorsorgevollmacht angefertigt. ein Drittel bis die Hälfte der Unternehmen wäre also unvorbereitet gewesen. Der Beratungs- und Coachingdienstleister the Alternative Board bestätigte in einer Umfrage von 2019, dass viele mittelständi- sche Unternehmer das Problem ausblenden: So hatten 81 Prozent der 165 Befragten kei- nen Notfallplan; 65 Prozent beschäftigten sich kaum oder gar nicht mit dem thema; zwölf Prozent sahen ihre Firma in Gefahr, sollten sie überraschend ausfallen. Nur 29 Prozent hatten mindestens eine General- vollmacht erteilt, 36 Prozent hatten Bank- vollmachten, Handlungsvollmachten oder Prokura erteilt. cst »Wenn alles auf eine Person fixiert ist, birgt das große Risiken« Christina Gehri , IHK Südlicher Oberrhein, Freiburg »Alle wissen über alles Bescheid. Es gibt keine Hierarchie unter uns. Das ist der bessere Weg für unser Unter­ nehmen« Jacqueline Brett , Geschäftsführerin der HB Brett Holzbau KG, Kehl der erste Großauftrag über zehn hochwertige Cam- pingmodule herein. Das neue Geschäftsfeld boomt: Mit Reihenhäusern und Doppelhaushälften nach dem KfW-55-Standard machte die HB Brett Holzbau KG 2021 achtmal so viel Umsatz wie im Jahr 2016; die Zahl der Mitarbeiter ist auf zehn gestiegen. Mit ihrem beherzten Umgang mit der Krise inklusive der Quasi- Neuerfindung der Firma landete das Unternehmen im vergangenen Jahr unter den top ten beim landespreis für junge Unternehmen, der regelmäßig vom land Baden-Württemberg und der l-Bank vergeben wird. Den Notfall vorab durchdenken es muss gar kein plötzlicher todesfall sein, um einen Betrieb an den Rand des Abgrunds zu führen. eine schwere erkrankung des Inhabers reicht schon. 2020 erlitt Sternekoch Sascha Weiss, Küchenchef und Pa- tron der „Wolfshöhle“ in der Freiburger Altstadt, mit Anfang 40 einen Herzinfarkt, der eine Reanimation er- forderlich machte und neurokognitive Störungen nach sich zog, wie seine ehefrau Manuela Weiss berichtet. Während der Reha führte sie das Restaurant weiter, unter den schwierigen Coronabedingungen. Schließlich strich sie trotzdem die Segel, auch weil Mitarbeiter absprangen und ersatz kaum zu finden war. Nun soll die „Wolfshöhle“ im Februar mit dem neuen Pächter Martin Fauster wiedereröffnen. Auch wenn es fast eine Binsenweisheit ist, ändert das nichts am Wahrheitsgehalt – und an der Dringlichkeit: Schicksalsschläge lassen sich nie ausschließen. Umso wichtiger sei eine gute Risikovorsorge, betont Beraterin larissa Kratt von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg: „Wichtige Dokumente und Zugänge zu Konten sollten als Kopie an einem Ort gesammelt werden, beispiels- weise Gesellschafter- und Geschäftsführerverträge, erteilte Vollmachten, Auszüge des Handelsregisters, Zugangsdaten zu diversen Konten sowie finanzielle Unterlagen wie Jahresabschlüsse, Darlehens- übersichten, Steuerbescheide. Zudem soll-

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