Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Januar'22 -Schwarzwald-Baar-Heuberg

11 1 | 2022 iHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Bild: Johannes Weitzel Spiel + Freizeit Swars Im Verbund einkaufen Ihre Produkte für das Weihnachtsgeschäft hat Sonja Uhl , Inhaberin des Radolfzeller Spielwarengeschäfts Spiel+Freizeit Swars, wie immer im Februar geordert. „Normalerweise erhalten wir die Ware Ende Oktober. Aktuell sind wir aber über jedes Teil dankbar, das uns noch erreicht“, sagt die Unternehmerin im Dezember. Die Lieferprobleme beträfen die gesamte Palette – von Holzspielzeug über Kunststofftiere bis zur Modelleisenbahn. Uhl bestellt ihre Artikel bei zwei, drei Großhändlern und über den Branchenverband Idee und Spiel. Letz- terer bietet den Vorteil, dass sich kleine Händler zusammentun und so größere Mengen abnehmen. „Das ist wichtig, da Importeure den Platz in ihren Containern meistbietend vergeben. Einzelne Produkte benötige ich aber meist nur in kleiner Stückzahl und habe daher das Nachsehen im Vergleich zu großen Online- versandhändlern, die gerne mehr als das Hundertfache von mir ordern“, erklärt sie. Diese Konkurrenz bleibe selbst bei größeren Bestellmengen wie für das Weihnachtsgeschäft be- stehen. „Da ich in Vorkasse gehen muss, kann ich auch nicht das 20-fache meines Bedarfs bestellen. Zumal mir die Lagerkapazitäten fehlen“, sagt Sonja Uhl, die ihren Kunden eine flexible Wunschliste gegen leere Gabentische unter demWeihnachtsbaum empfohlen hat. ks Verlag Herder Standardmaterialien nutzen Wie ist Herder vom Rohstoffmangel und den Lieferengpässen betroffen? Roman Holletschek, Leiter Einkauf und Board-Mitglied: Wir spüren die Rohstoffverknappung und Produktionsengpässe in allen Bereichen.Angefangen von den Materialen und den Zusatzstoffen bei der Produktion, bis zu den feh- lenden Europaletten und Seefracht-Containern bei der Logistik. Die Papierher- steller haben schon vor längerer Zeit auf den boomenden Onlinehandel reagiert und ihre Maschinen von grafischem Papier auf rentablereVerpackungspapiere umgestellt. Dieser Veränderungsprozess hat bereits vor Corona begonnen und wurde durch die Krise beschleunigt. Welche Lösungen haben Sie dafür? Wir arbeiten sehr agil und in Teams. Die nötigen Entscheidungen, welche Titel vorrangig produziert werden, welches Material eingesetzt wird und wo ge- druckt wird, können wir so schnell fällen. Wichtig dabei ist immer, das Risiko von langen Lieferzeiten zu minimieren und flexibel sowie nach Verfügbarkeit Standardmaterialien einzusetzen. Wir halten nicht mehr Bücher vorsorglich auf Lager und wir produzieren so weit wie möglich nach dem Bedarf unserer Käuferinnen und Käufer. Welche zeitliche Durststrecke erwarten Sie? Eine Tendenz zur Beruhigung der globalen Marktsituation ist für mich heute noch nicht absehbar, die Durststrecke wird sich vermutlich im Jahr 2022 wei- ter fortsetzen. Ich denke, wir müssen uns längerfristig auf höhere Preise und Engpässe, insbesondere bei Nicht-Standardpapieren, einstellen. Mittelfristig sehe ich keine Veränderung im Beschaffungsmarkt. Interview: mae feranten. 43 Prozent der Firmen berichten von Umsatzausfällen, und ein Viertel musste die Produktion damals schon drosseln oder sogar stoppen. Ob alle Unternehmen dies am ende überste- hen werden, bleibt abzuwarten. Wer stark von einem einzigen Werkstoff, Zulieferer oder Abnehmer abhängig sei, könnte ernsthaft in Schieflage geraten, schätzt iHK-experte Mar- tin Schmidt. Kollege Uwe Böhm sieht die hie- sige mittelständische Wirtschaft im Vorteil, die schon früher auf eine Mischkalkulation mit deutschen und asiatischen lieferanten gesetzt hat: „Das kommt denen jetzt zugute.“ Not macht erfinderisch Das Gros der betroffenen Unternehmen hat mittlerweile Mittel und Wege gefunden, sich zu behelfen. in den testimonials stellen Un- ternehmen aus der Region quer durch alle Branchen und Grö- ßenklassen ihre Strategien vor. Von einer wirklich schnellen Besserung der lage geht indes niemand aus. „es dauert min- destens sechs bis zwölf Mona- te, um eine Halbleiterfertigung aufzubauen, Chips zu produzie- ren und auszuliefern. Und damit wir in der zweiten Jahreshälfte eine entlastung spüren, muss dabei alles glatt laufen“, kalku- liert zum Beispiel Moritz Ziegler, leiter Globale einkaufsstrategie und -steuerung beim Werkzeug- maschinenhersteller trumpf. Mit einem lang- fristigen ende der globalen Arbeitsteilung und lieferketten rechnet im Gegenzug aber auch niemand, stellt iHK-Fachmann Böhm fest: „Manches bekommen Sie einfach nur in Asien günstig. Schon wegen der Preise wird sich an den lieferketten nicht grundlegend und dauerhaft etwas ändern. Unterm Strich hat ja alles seine Daseinsberechtigung.“ Bis der Welthandel aber wieder in ruhigerem Fahrwasser unterwegs sein wird, wird noch einiges an Wasser den Rhein hinunterflie- ßen. einkäufer wird vorerst weiterhin nicht der entspannteste Job der Welt sein: „Die Umstände, unter denen wir arbeiten, waren tatsächlich noch nie schwieriger. Anderer- seits ist unser Beitrag zur Stabilität und zum erfolg des Unternehmens auch noch nie größer gewesen“, meint trumpf-Mitarbeiter Ziegler. Gut dran also, wer im Moment findi- ge einkäufer hat. Aber auch die sind schon seit einiger Zeit nicht leicht zu finden – im weitesten Sinne auch ein schwerer Fall von Rohstoffmangel. Ulrike Heitze 42 Prozent länger als noch im Jahr 2019 brauchten Wa- ren 2021 von Shanghai nach Deutschland Quelle: Project44

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