Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Oktober'21 -Schwarzwald-Baar-Heuberg
50 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 10 | 2021 Unternehmen ZUR PERSON Dieter K. Tscheulin (62) ist seit 1993 Professor für Betriebswirtschaftsleh- re an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Forschungsschwerpunk- te sind branchenspezifisches Marketing, Management im Gesundheitswesen, Marktforschung, Tourismusmarketing und Preismanagement. » Es herrschte Aufbruchstimmung « Interview mit Dieter Tscheulin über Gründungen nach Krieg und Krisen Ob Sick aus Waldkirch, Streck Transport aus Lörrach/Freiburg, Hilzinger aus Willstätt oder Welter Zahnrad aus Lahr: Viele Un- ternehmen feiern dieses Jahr ihr 75. Jubiläum. Warum das so ist, was die Unternehmer damals auszeichnete und ob auch nach der Coronakrise mit einer Gründungswelle zu rechnen ist, darüber spricht der Marketingprofessor Dieter Tscheulin im Interview. Dieses Jahr feiern viele Unternehmen aus der Region ihr 75. Jubiläum. Sie wurden also 1946 gegründet. Gibt es eine Häufung von Unternehmensgründungen 1946 oder generell nach dem Zweiten Weltkrieg – und wenn ja, warum? Ja, es gibt eine Häufung von Unternehmensgründungen in den ganzen Nachkriegsjahren. Natürlich 1946, aber auch 1948 und 1949. Das lag unter anderem an den Zeitumständen. Die Menschen hatten in fünfeinhalb Jahren Krieg schlimme Erfahrungen gemacht und sich an allgemein hohe Lebensrisiken sowie die fehlende Sicherheit gewöhnt. Deutschland war zu großen Teilen zerstört, das politische System gab es nicht mehr, und man wusste nicht, wie es weitergeht. Das heißt, die Menschen haben eine Unternehmensgründung als nicht so riskant empfunden? Das gilt zumindest in Relation zu heute, schließlich gab es keine sicheren Alternativen in hinreichender Anzahl, weil Deutschland wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich am Boden lag. Es war das sogenannte Risk-Return-Paradoxon zu beobachten. Das bedeutet, dass Menschen in schwierigen oder Verlustsituationen eine höhere Risikofreude besitzen. Umgekehrt tendiert man in Gewinnsituationen zu einer größeren Risikoscheu. Aber konnten die Menschen überhaupt so einfach ein Unternehmen gründen? Sie brauchten eine Genehmigung der Besatzer und einen guten Leumund, also keine Nazivergangenheit. Bestimmte Branchen waren natürlich tabu, weil die Besatzer diese als politisch bedenklich angesehen haben. Zum Beispiel Nachrichtentechnik. Und man durfte auch keine Flugzeuge bauen. Im Prinzip stand einer Unternehmensgründung aber nichts entgegen. Die Besatzungsmächte haben genauso die Notwendigkeit gesehen, dass die Wirtschaft wieder aufgebaut wird, wie die Bürger. Es wurden ganz unterschiedliche Firmen gegründet. Und auch Handwerker, die keine Anstellung fanden, haben sich selbstständig gemacht. Es herrschte eine Aufbruchstimmung. Dass die alte Zentralverwaltungswirt- schaft von Nazideutschland zusammengebrochen war, hat dazu beigetragen. Was zeichnet die Unternehmen aus, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Region gegründet wurden? Die Unternehmer waren mutig, verfügten über eine große Risikobereitschaft, sie hatten die Fähigkeit, Ideen kreativ zu generieren und auch aus anderen Bereichen zu transferie- ren – und damit all das, was Unternehmer noch heute haben müssen.
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