Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juli/August '21 -Südlicher Oberrhein
19 7+8 | 2021 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten Bild: Archivbild I n den Bezirken der Agenturen für Arbeit Offenburg, Freiburg und Lörrach verfügen von rund 600.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 87.000 über keinen Berufsabschluss. Hier sehen die Fach- kräfteallianzen Südlicher Oberrhein und Südwest, zu denen auch die IHK Südlicher Oberrhein gehört, enormes Potenzial zur Entwicklung von Fachkräften. „Aber uns geht es nicht nur darum, die Anzahl der Fachkräfte zu erhöhen. Wir Unternehmer erwarten gerade durch die Digitalisierung auch immer mehr von unseren Mitarbeitenden“, weiß IHK-Präsident Steffen Auer. „Der Begriff des lebenslangen Lernens ist eben nicht nur so dahergesagt.“ Zustimmung erhält er von Norbert Göbelsmann: „Aus unserer Sicht ist der Fachkräftemangel eine gefährliche Sache“, sagt der erste Bevollmächtigte der IG-Metall im Bezirk Freiburg/Lörrach. „Er kann der Grund sein, warum unsere Unternehmen hier nicht mehr wach- sen.“ Inzwischen wechselten die Arbeitskräfte häufig horizontal, beispielsweise in der Automobilbranche aus der Herstellung von Teilen des Verbrenners zur Produk- tion von Erzeugnissen für den Elektromotor. „Wenn der Betrieb sich wandelt, müssen sich die Mitarbeitenden mitwandeln.“ Um Arbeitskräfte jedoch von einer Wei- terbildung zu überzeugen, müssten die Unternehmen nach Ansicht von Göbelsmann einen klaren Pfad an- bieten – neben der Qualifizierung nämlich auch eine Perspektive in der Firma. „Ohne Ausbildung sind die Menschen deutlich schnel- ler und länger in der Arbeitslosigkeit“, nennt Theresia Denzer-Urschel, seit Anfang Juni die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Offenburg, eine weitere Motivation zur Qualifizierung. Dass es ohne Wei- terbildung nicht geht, davon ist sie überzeugt: „Schauen wir doch auf uns selbst: Was mussten wir alles lernen, damit wir unseren Job heute noch machen können.“ Unterstützung kommt zudem vom Staat: mit dem Qualifizierungschancengesetz (QCG) und dem Arbeit- von-morgen-Gesetz gibt es laut Aussage von Andreas Finke, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Freiburg „das attraktivste Förderpa- ket in der Geschichte der Beschäftigtenqualifizierung“. Zwei Betriebe, die die Förderung genutzt haben, sind der Getriebehersteller Neugart aus Kippenheim und das Reisebüro Wagener aus Müllheim. Bei Neugart wurde aus Timo Schick, der eigentlich Gas-Wasser- Installateur gelernt hat und bei dem Getriebehersteller Maschinenbediener war, nach einer einjährigen Qualifi- zierung zum Maschinen- und Anlagenführung mit IHK- Abschluss ein Einrichter. „Natürlich mit entsprechen- dem Vertrag und Vergütung“, wie Personalleiterin Jutta Maurer betont. Knapp ein Dutzend Mitarbeitende von Neugart haben bereits den gleichen Kurs wie Schick besucht – und den gleichen Aufstieg gemacht. Im Reisebüro Wagener war es die Angestellte Tanja Frei, die sich während der durch die Coronapandemie be- dingten 95-Prozent-Kurzarbeit auf die Suche nach einer Weiterbildung machte. Sie wollte mit ihrer Qualifikation ihren Arbeitgeber, bei dem sie bereits die Ausbildung absolviert hatte, unterstützen und entschied sich für den Onlinemarketingmanager mit Schwerpunkt Social Media. Chef Martin Heiler ist froh und dankbar, denn beim Blick in die Zukunft seines Reisebüros stellen sich ihm viele Fragen: „Kommt die große Transformation? Kommt das alte Geschäft zurück? Wie erreichen wir unsere Kundinnen und Kunden in Zukunft?“ Noch gibt es wenige Beispiele wie das von Timo Schick und Tanja Frei. Im vergangenen Jahr begannen im Kam- pagnengebiet lediglich 412 Beschäftigte eine Quali- fizierung im Rahmen des Förderprogramms. 5.000 Betriebe haben die Verantwortlichen von „Südbaden qualifiziert“ nun angeschrieben, um die Programme bekannter zu machen und ihre Unterstützung anzubie- ten. IHK-Präsident Auer mit Nachdruck: „Wir brauchen die Fachkräfte. Die Digitalisierung wird den Bedarf vielleicht verändern, aber nicht reduzieren.“ naz Der Fachkräftemangel ist für die Un- ternehmen der Region der Risikofaktor Nummer eins. Demografie, Struktur- wandel, Transformation und Digitali- sierung verändern den Arbeitsmarkt in seinem Kern. Für die Fachkräfteallian- zen Südlicher Oberrhein und Südwest ist Qualifizierung der Schlüssel, um gut durch diesen Strukturwandel zu kom- men. Im Juni starteten sie die Kampag- ne „Südbaden qualifiziert“. Fachkräfteallianzen Südlicher Oberrhein und Südwest starten Kampagne Südbaden qualifiziert Die Unternehmen brauchen verstärkt Experten und immer weniger ungelernte Hilfskräfte.
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