Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'21 -Südlicher Oberrhein

8 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2021 TITEL für die Tiengener Aktionsgemein- schaft. So hat man sich aktuell noch für eine coronaneutrale Version einer Kinder-Rallye entschieden. Bis Mitte Juni kann der Nachwuchs einen Par- cours mit Rätseln und Aufgaben quer durch die Stadt absolvieren. „Für unser Jazzfest im Sommer haben wir uns auch eine Alternative überlegt, die möglich sein müsste. Lange Shoppingabende bereiten wir noch nicht vor – könnten sie aber schnell aus dem Hut zaubern.“ 80 Kilometer nördlich, in Rottweil, ent- wirft man schon mal prophylaktisch ein entzerrtes Straßenmarktevent mit Rah- menprogramm. „Erstmal für die Schublade, aber wir sind vorbereitet“, sagt Citymanagerin Tamara Retzlaff. Die Kommunen müssten jetzt alles, was sie für dieses Jahr im kommunalen Haushalt an Hilfen beschließen könnten, in die Waagschale werfen, empfiehlt Philipp Hilsenbek, der bei der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg den Bereich Standortpolitik leitet. Neben einer vor- ausschauenden Veranstaltungsplanung könnten das beispielsweise weitere Erleichterungen für Handel und Gastronomie sein – von gesenkten Parkgebühren über erweiterte Geschäftsmöglichkeiten für die Außengast- ronomie bis zu weiterhin reduzierten Gebühren für Au- ßenflächen. „Insgesamt geht es in den nächsten Wochen und Monaten darum, Zuversicht und Aufbruchstimmung zu vermitteln.“ Corona als Brandbeschleuniger für Entwicklungen Aber kann das alles reichen, um die Vitalität der Innen- städte wieder herzustellen – und vor allem für die Zukunft zu sichern? In den meisten Fällen nicht, da sind sich die Experten einig. Denn es gilt nicht allein, die Folgen der Coronapandemie hinter sich zu bringen. Die Innenstädte sehen sich vielmehr Entwicklungen gegenüber, die ihre Anfänge bereits viel früher genommen haben. So nehmen beispielsweise Onlineshops dem stationären Handel schon seit Jahren Geschäftsanteile ab. Bei vielen inhabergeführten Gewerbebetrieben stellt sich zuneh- mend die Nachfolgefrage. Und, last but not, least ändert sich das Freizeitverhalten grundlegend. „Die Menschen kommen in die Innenstadt nicht mehr primär zum Shop- pen“, erklärt Thomas Kaiser, Handelsreferent bei der IHK Südlicher Oberrhein. „Es geht immer mehr hin zum ‚Erlebnis Innenstadt‘ – Gastronomie, Feste, Plätze … Der Handel rückt vom ersten auf den zweiten oder dritten Platz.“ Die Pandemie hat die meisten dieser Entwicklun- gen nun beschleunigt. Deshalb kann zum Beispiel der Rückfall ins rein analoge Geschäft nach Corona keine Option für den stationären Handel sein, ist sich Tamara Retzlaff sicher. „Denn die Kunden kennen ja nun die Möglichkeiten und werden vieles beibehalten, was sie sich jetzt angewöhnt haben. So sind inzwischen auch die Senioren mit dem Inter- netkauf vertraut.“ Onlineshopping wird nicht einfach wieder verschwinden, genausowenig die Relevanz von Socialmedia für stationäre Anbieter. Die Nachfolge- und Leerstandsproblematik wird sich möglicherweise zuspitzen, meint Thomas Kaiser. Viele ältere Laden- oder Gastronomie-Betreiber werden sich überlegen, ob sie nach Corona noch die Energie und die Finanzkraft für einen Neustart haben. Das könnte Lücken auch in bislang gut gefüllte Innenstadtlagen reißen – in- klusive Schwierigkeiten beim adäquaten Nachbesetzen. „Und plötzlich sind Handelslagen statt 600 nur noch 400 Meter lang oder lassen einige Querstraßen vermissen“, sagt Peter Markert, geschäftsführender Gesellschafter der Imakomm Akademie in Aalen. Die Imakomm hat im vergangenen Jahr kleine und mittlere (Innen)Städte in Süddeutschland analysiert und tut dies nun bundesweit, gemeinsam mit den IHK-Organisationen in ganz Deutsch- land, den kommunalen Spitzenverbänden und weiteren Partnern. Befeuert wird die ganze Entwicklung möglicher- weise noch vom Trend zu mehr Homeoffice – zumindest in größeren Städten. „Dort strömen dann weniger Men- schen in der Mittagspause zum Essen oder Einkaufen ins Zentrum“, sagt Markert. Unterm Strich werden sich Innenstädte in jedem Fall verändern, stellt Manuela Klausmann fest. Sie leitet die Geschäftsstelle des Handels- und Gewerbevereins Schramberg. „Und es ist jetzt wichtig, dass wir das Be- wusstsein dafür schaffen, dass sich alle darum kümmern müssen. Die meisten profitieren von einer lebendigen MITMACHAKTION : DAS MUSS MAN GESEHEN HABEN Zugegeben, ein Schaufenster allein kann nicht eine ganze Innenstadt zum Leuchten bringen – aber es ist ein guter Anfang.Wenn Sie solch ein inspirierendes Fenster entdeckt haben – eines, das Sie grinsen oder lächeln lässt, das einer tollen Idee folgt, oder mit dem sich jemand sehr große Mühe gegeben hat – senden Sie uns ein Foto davon. Gerne mit ein, zwei Sätzen, warum es Ihr Favorit ist und zu welchem Laden oder Restaurant das Fenster gehört. Die besten Einsendungen finden Sie demnächst im Heft, online und auf Facebook. uh Schicken Sie Ihr Lieblingsschaufenster an: wis@freiburg.ihk.de 75% der Kommunen gehen von einem verstärkten Verlust an Handelsbetrieben in ihrer Innenstadt durch/nach Corona aus. Bei Gastronomie sind es 76 %. Quelle: HDE-Online-Monitor 2021, bundesweite Erhebung. Bilder: IH für hugger-gestaltung.de; M.studio - Adobe Stock (Taschen) Immer liebevoll bunt: das Fenster des Stoff- und Bekleidungsge- schäfts „Garçonne“ in der Freiburger Gerberau. Bild: Garçonne

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