Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Juni'21 - Hochrhein-Bodensee
20 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 6 | 2021 REGIO REPORT IHK Hochrhein-Bodensee Bild rechts unten: Fotolia R eisehemmnisse, Beherbergungsverbote, Lock- down: Seit Beginn der Pandemie liegt auch die Reisewirtschaft am Boden. Bis auf wenige Monate im Sommer 2020 haben Reisebüros, Reiseveranstalter oder Reisebusunternehmen quasi ein Berufsverbot. Nahezu alles, was sie anbieten, ist derzeit nicht er- laubt. Für viele dieser Unternehmen ist die Lage dra- matisch. Laut dem Deutschen Reiseverband (DRV) fürchten allein unter den Reisebüros 70 Prozent um ihre Existenz. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des DRV unter Reisebüros und Reiseveranstaltern zu den wirtschaftli- chen Auswirkungen durch die Coronapandemie hervor. Fazit: Die Lage ist ernst. Die Reisewirtschaft leidet wie kaum eine andere Branche unter der eingeschränkten Reisefreiheit. Fast alle der befragten Unter- nehmen gaben an, staatliche Hilfen wie zum Beispiel die Überbrückungshilfen oder Kurzarbeiter- geld in Anspruch zu nehmen. Neben einer Verlängerung dieser Hilfen fordern sie vor allem ein verlässliches Restartkonzept. Eine Forderung, die auch seitens der Industrie- und Handelskammern immer wieder an die Politik herangetragen wird. Bis die Reisebranche wieder zur Normalität zurückkehren wird, dauert es wohl noch eine Weile. Es wird damit gerechnet, erst 2023 wieder auf dem Niveau des Jahres 2019 zu sein. In dieser Folge unserer Schwerpunktserie möchten wir über diese Unternehmen sprechen, wie es ihnen geht, welche Perspektiven sie sehen und was sie sich von der Politik wünschen. hw „Schotten dicht und abwarten“ Interview mit Alexander und Alexandra Growe, Reisebüro Growe, Gottmadingen Wie geht es Ihnen und Ihrer Branche, den Reisebüros? Die Lage in unserer Branche ist sehr ernst. Einige Inhaber von Reisebüros, die kurz vor dem Renteneintrittsalter sind, haben schon aufgehört. Früh in der Pandemie ist ein Mitbewerber im Bereich Busreisen aus dem Hegau in die Insolvenz gegangen. Wir wissen außerdem von drei weiteren Reisebüros im Hegau, die ihre Türen für immer geschlossen haben. Die Pandemie hat wohl wenige Branchen so hart getroffen wie die Reiseunternehmen. Was ist gerade noch für Sie möglich? Schotten dicht und abwarten - einfach überleben. Wir sind te- lefonisch für unsere Kunden erreichbar und führen jeden Tag Informationsgespräche. Das hält uns aufrecht, denn die Kunden wollen wieder reisen - nur nicht unter den aktuellen Umständen. Quarantäne bei der Rückreise, PCR-Tests, Rücktrittsversiche- rungen: Das alles macht das Reisen zurzeit uninteressant. Viele Kunden möchten jetzt auch erst einmal ihre zweite Impfung ab- warten und dann über Reisepläne nachdenken. Wie lange können Sie noch durchhalten? Zusammen mit den Hilfen und den eigenen Reserven, welche wir auflösen mussten, konnten wir durchhalten. Jetzt stellt sich uns die Frage, wie viel der Altersvorsorge wir bereit sind zu opfern. Da wir aber auch nicht aufgeben möchten, werden wir wohl noch eine Weile durchhalten müssen. Wir hoffen sehr, dass es uns möglich sein wird, für die Rente später wieder etwas anzusparen. Glauben Sie, dass die Pandemie die Reisewirtschaft verändert hat? Ja, wir bekommen jetzt schon mit, dass die Reisen teurer gewor- den sind. Die Airlines haben auch ihre Flotten verkleinert. Ob große Flugzeuge wie der A380 mittelfristig überhaupt noch wei- terfliegen werden, scheint mehr als ungewiss. Durch die Reduzierung von Passagier- plätzen in den reduzierten Flot- ten erhöht sich somit der Anteil pro Ticket, und diese werden teurer. Auch Schiffe, die nur zu 50 bis 70 Prozent aus- gelastet sein dürfen, werden ihre Preise er- höhen, für Ho- tels dürfte das gleiche gelten. Welche Unterstützung würden Sie sich wünschen? Da wir jetzt praktisch schon mehr als ein Jahr ein Berufsverbot haben, wäre ein Unternehmerlohn eine tolle Sache. Ansonsten wünschen wir uns, dass die Impfkampagne mehr an Fahrt auf- nimmt und die Menschen ab Juli wieder in viele Länder ohne Quarantäne reisen dürfen. Damit wäre uns schon sehr geholfen. Wir feiern als Familienbetrieb in diesem Jahr unser 50-jähriges Jubiläum. Meine Eltern gründeten den Busbetrieb 1971. Aber nach Feiern ist uns nicht zumute. Wir hoffen, dass wir unser Fest im kommenden Jahr nachholen können. Interview: hw Schwerpunktthema Eine stillgelegte Branche IM FOKUS 2021 Einzelhandel Gastronomie Tourismus
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