Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'21 - Hochrhein-Bodensee

21 5 | 2021 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten des Fachkräftebedarfs vor allem dann kommen, wenn nicht weiter ausgebildet wird. Im Lockdown ruht bei vielen Unternehmen das Ausbildungsengagement. Wie schätzen Sie die Situation ein, und welche langfristigen Folgen erwarten Sie? Die besten Fachkräfte bildet man selbst im eigenen Unternehmen aus. Eine duale Berufsausbildung oder ein duales Studium sind dafür die beste Basis. Daher appelliere ich an alle Betriebe, weiterhin Lehrstellen anzubieten. Die neu geschaffene Ausbildungsprämie, die nun nochmals aufgestockt wurde, bietet einen zu- sätzlichen Anreiz. Welche Entwicklung erwarten Sie, wenn die Insolvenzantragspflicht wieder in Kraft tritt - für die Unternehmen dieser Branchen und die Mitarbeiter? Es ist noch völlig unklar, in welchem Maße Insolven- zen erfolgen werden. Hierüber zu spekulieren, halte ich für wenig zielführend. Auf der anderen Seite wäre es blauäugig, sich nicht auf diese Entwicklung vor- zubereiten. Deshalb nutzen wir schon jetzt freie Ka- pazitäten, um unsere Mitarbeiter mit den geltenden Insolvenzgeldregeln fit zu machen. Wir haben den Anspruch, dass im Insolvenzfall alle Betroffenen so schnell wie möglich ihr Geld bekommen sollen, so wie es uns auch beim Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld gelungen ist. Interview: hw „Das größte Problem ist die Planungsunsicherheit“ W enn sich jemand mit der Gastronomie in der Regi- on rund um Bad Säckingen auskennt, dann ist das Alexandra Mußler. Sie ist die Besitzerin des Storchen in Rheinfelden, ein Hotel mit 25 Zimmern. Seit 2000 führt sie das Haus, das seit 50 Jahren im Familienbesitz ist. Neben ihrem Beruf engagiert sie sich für ihre Branche als Kreisvor- sitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Bad Säckingen. Sie ist außerdem Mitglied in der Vollversammlung der IHK Hochrhein-Bodensee und dort auch im Tourismusausschuss aktiv. Seit Monaten spricht sie mit Hoteliers und Gastronomen über deren Sorgen im Lockdown und fehlende Perspektiven. Und über unglückliche Mitarbeiter, die ebenso lang schon in Kurzar- beit sind. „Ich nehme zunehmend wahr, dass die Betriebe ihre Fachkräfte verlieren. Viele arbeiten mittlerweile für große Lebensmittelhändler, andere entscheiden sich für eine Umschulung. Das kann ich ihnen auch nicht übelneh- men. Die Löhne in unserer Branche sind nicht sonderlich hoch, dementsprechend niedrig ist auch die Höhe des Kurzarbeitergeldes.“ Mußler hat sich schon mehrmals an Politiker gewandt. Sie sagt, es wäre einfacher, die Fach- kräfte in dieser schwierigen Zeit zu halten, wenn das Kurz- arbeitergeld dem Gehalt entsprechen würde. Allerdings stieß sie nicht auf offene Ohren. „Das Kurzarbeitergeld war und ist sicherlich sehr hilf- reich“, sagt Ines Kleiner, Geschäftsführerin der Dehoga- Geschäftsstelle in Konstanz. Somit könne die Mehrzahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gehalten werden. Kleiner stellt aber auch eine Abwanderung des Personals fest. „Das ist tatsächlich ein Problem und es ist ungewiss, ob sie in die Gastronomie zurückkehren. Oft ist das Team in einem Gastronomiebetrieb gut eingespielt, scheiden Mitarbeiter aus, wirkt das wie ein herausgebrochenes Zahnrädchen.“ Das größte Problem ist zurzeit die Planungsunsicherheit. „Viele Betriebe, die auf Saisonarbeitskräfte angewiesen sind, müssen jetzt Personal ein- stellen, sonst stehen sie im Som- mer alleine vor ihren Gästen“, sagt Alexandra Mußler. Doch keiner weiß, weder Arbeitgeber noch Arbeitneh- mer, wann die Arbeit tatsächlich los- geht.“ Das kann Ines Kleiner nur bestä- tigen. „Die Saison wäre eigentlich im April gestartet.“ Die Ungewissheit schlägt sich laut Alexandra Mußler auch auf die Ausbildung nieder. „Unsere Branche hat ja schon lange Nachwuchssorgen, aber mit Corona wird die Situation nicht besser. Zwar werden Bewerbungsgesprä- che geführt, aber die jungen Leute sind noch zögerlicher geworden, ob eine Ausbildung in der Gastronomie für sie das Richtige ist.“ Eine Entspannung der Lage sieht Mußler erst dann, wenn flächendeckend geimpft wurde und die Menschen keine Angst mehr haben, ein Restaurant zu be- suchen. „Dann können wir auch jungen Menschen wieder eine Perspektive geben.“ Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Laut Ines Kleiner erwägt etwa ein Viertel der Gastronomiebetriebe ihr Ge- schäft aufzugeben. „Viele Ausbildungsverträge wurden aufgrund des langen Lockdowns gekündigt. Diese Fach- kräfte fehlen natürlich in der Zukunft.“ Optimistisch möchte Alexandra Mußler für ihre Branche dennoch bleiben. Die Rheinfelderin liebt ihren Beruf und ist überzeugt, dass es vielen genauso geht. „Es werden ja auch neue Betriebe gegründet und weil die Menschen einfach gerne reisen und in einem Restaurant essen, hat unsere Branchen gute Zukunftsaussichten. Es wäre noch schöner, wenn die Gäste bereit wären, für den Service etwas mehr zu zahlen. Dann könnten wir auch unsere Fachkräfte besser entlohnen und junge Menschen wür- den sich dann vielleicht eher für eine Ausbildung in der Gastronomie entscheiden.“ hw Alexandra Mußler

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