Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe Mai'21 - Hochrhein-Bodensee
17 REGIO REPORT IHK Hochrhein-Bodensee 5 | 2021 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten E s ist über ein Jahr vergangen, seit diese Pandemie unser Land erreicht – und seine Agenda übernommen hat. Ein Jahr, das sich wie kein anderes zuvor zusammensetzt aus vielen kleinen Zeit- abschnitten, in denen wir mit unzähligen, immer wieder veränderten, angepassten, nachgeführten Maßnahmen versucht haben, dem Infek- tionsgeschehen Herr zu werden. Lockdowns wurden angeordnet, Aus- gangssperren verfügt, Masken- und Abstandsregeln implementiert, Hygienekonzepte entwickelt, Grenzkontrollen eingeführt und wieder aufgehoben, Hilfsprogramme geschneidert, das Insolvenzrecht geän- dert. Schulen wurden geschlossen, geöffnet und wieder geschlossen, von den Universitäten redet schon gar keiner mehr, ganze Branchen wurden vom Wirtschaftsverkehr abgeschnitten. Die tagesaktuelle Inzidenz hat das politische Kommando übernom- men über Öffnen und Schließen, über Click & Collect, Click & Meet, Straßenverkauf und Außengastronomie, die jeweiligen Schwellenwerte haben mittlerweile eine Halbwertszeit von wenigen Wochen. Juristen streiten, wer überhaupt befugt sei, das alles zu steuern, Uneinsichtige protestieren, ohne so genau zu wissen, gegen wen oder was. Aber die allermeisten haben bislang alles mitgemacht und mitgetragen, aus Solidarität und in der Hoffnung, das vielzitierte Ende des Tunnels sei in Sicht. Doch das ändert sich gerade. Als wäre das alles nicht unübersichtlich genug, sorgen eine kontrover- se demokratische Debatte, der wissenschaftliche Streit der Epidemio- logen, die föderale Vielfalt und vielleicht auch schon der beginnende Wahlkampf dafür, dass nicht einmal zu einem beliebigen Zeitpunkt überall dasselbe gilt - im Gegenteil. Länder, Landkreise und Städte experimentieren mit multiplen Modellen und Lösungen, Notbremsen werden installiert, aber nicht gezogen, Ausgangssperren diskutiert, aber nicht verhängt. An den Außengrenzen gelten die verschiedensten Regeln, die Impfkampagne stottert, die Impfbereitschaft leidet, das Vertrauen der Menschen auch. Mit überkomplexen Regelwerken, die von ihren Adressaten kaum mehr gelesen, geschweige denn ver- standen werden, droht die Politik, den Kontakt zu den Menschen zu verlieren, zumindest zu Teilen auch den zur Wirtschaft. Das ist fatal, denn am Verhalten der Menschen hängt jeder Erfolg. Nach Mallorca statt auf die Mainau Immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer fragen sich - und sie fragen ihre IHK - wie denn das alles zusammenpasse. Warum man auf Mallorca Urlaub machen dürfe, aber auf der Insel Mainau nicht einmal spazieren gehen. Warum ein Münchener in Konstanz frei einkaufen dürfe, der Nachbar aus Kreuzlingen aber für zehn Tage in Quarantäne geschickt werden solle, wenn er auch nur einen via Click & Collect erworbenen Artikel abholen wolle. Warum die Menschen am Rheinufer wie die Vögel auf der Stange säßen, die dahinter liegende Terrasse aber für die Außengastronomie gesperrt sei. Warum sich die Kunden in den Discountern drängten, wo immer mehr Non-Food-Artikel angebo- ten würden, während dem Textileinzelhandel noch nicht einmal Click & Meet erlaubt werde. Warum der Buchhandel plötzlich nicht mehr IHK-Hauptgeschäftsführer Claudius Marx über die Lage in der Pandemie und Perspektiven für die Wirtschaft Wenn nichts mehr zusammenpasst Bild:’pathdoc - stock.adobe
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