Wirtschaft im Südwesten - Ausgabe März'21 - Hochrhein-Bodensee

20 IHK-Zeitschrift Wirtschaft im Südwesten 3 | 2021 REGIO REPORT IHK Hochrhein-Bodensee A „Wir haben einen Vorteil: Wir sind hier“ E s sei für ihn schon überraschend, dass immer noch ein Teil der Einzelhändler keinen Onlineauftritt hat, sagt Bru- no Hall, Geschäftsführer der Villringer GmbH in Lörrach. Das müsse nicht gleich ein Onlineshop sein, aber zumindest eine Webseite und ein Auftritt in Facebook oder Instagram. Laut Hall, der vier „expert“-Elektrofachgeschäfte an den Standorten Schopfheim, Lörrach, Rheinfelden und Bad Säckingen betreibt, hat sich dieser Nachteil besonders während der Pandemie als schwer erwiesen. Seit mehreren Jahren ist der „expert“-Verbund online aktiv, und die stationären Geschäfte konnten während des Lockdowns auf eine stabile digitale Infrastruktur zurückgrei- fen. „Unsere Umsätze im Onlinebereich sind deutlich gestiegen. Das war aber nur möglich, weil man uns im Netz schon kannte. Und gerade in der Pandemie hat der Kunde gemerkt, dass es nicht nur Amazon gibt. Lokal einkaufen - auch online - ist ein erkennbarer Trend, der gerade in der jetzigen Zeit neben den Vorteilen wie der persönlichen Beratung am Telefon, der schnel- len Lieferung oder Abholung vor Ort auch die Verbundenheit mit seiner Stadt ausdrückt.“ Die Entwicklung zeige seit Jahren im Einzelhandel in eine klare Richtung, sagt Hall. „Unsere Besucherzahlen auf der Webseite sind genauso hoch wie in unseren Märkten. Wenn wir uns also darum kümmern, dass unsere Geschäfte attraktiv sind, dann müssen wir das auf unserer Webseite ebenso tun. Wer nicht viel Zeit und auch Geld in das Onlinegeschäft investiert, findet nicht statt.“ Bruno Hall sieht den stationären Einzelhandel deswegen auch in einer herausfordernden Situation. „Die großen Player im E-Commerce geben einen Standard für Kundenorientierung vor, bei dem lokale Händler schon aufgrund der Kosten schwer mit- halten können. Marketing, Retouren und Zahlungsmanagement sind Kostentreiber. Hinzu kommt, dass der Kunde online sehr viel mehr auf den Preis achtet. Wir brauchen deswegen weiterhin ein funktionierendes stationäres Geschäft nach der Pandemie.“ Hall weiß, dass es Verbünde wie „expert“ einfacher haben, des- wegen ist er auch überzeugt, dass Kooperationen und Netzwerke für den stationären Einzelhandel wichtiger werden. „Wir brau- chen regionale Plattformen, wo sich auch die Händler zeigen können, die keine Unterstützung von Kooperationen haben. Gute Ansätze hierzu sind mir aus Lörrach und Rheinfelden bekannt. Wir brauchen regionale Logistiknetzwerke, die die Ware noch am gleichen Tag ausliefern. Auch hierzu tut sich gerade etwas in Bad Säckingen. Eigentlich hät- ten wir das schon lange von den Apotheken und Pizzerien lernen können. Wir haben aber nicht nur Nachteile gegenüber den Big Playern, sondern einen Vor- teil: Wir sind hier. Und damit können wir dem Kunden eine Kombination aus online und stationär anbieten. Das kann Amazon nicht.“ hw Sie ist Marke und Aushängeschild W enn Melanie Teubner ein neues Bild auf Instagram postet, muss sie nicht lange warten und die ersten Kommentare trudeln ein. Die Unternehmerin aus Lörrach, die gemeinsam mit ihrem Mann zwei Modegeschäfte führt, hat sich mit ihren Social- Media-Accounts eine treue Followerschaft aufgebaut, die genau hinschaut, wenn die begeisterte Modehändlerin wieder ein neu- es Outfit postet. 7.500 Follower hat sie allein auf Instagram. Im Mittelpunkt steht sie selbst. „Das hat sich so ergeben. Ich bin Marke und Aushängeschild für unsere Geschäfte geworden. Ich selbst präsentiere die Kleidung, die ich in meinen Geschäften verkaufe.“ Bis zu drei Stunden investiert Melanie Teubner täglich in ihre Social-Media-Aktivitäten. „Das Handy ist mein wichtigs- tes Arbeitsgerät geworden. Ich bin ständig mit meinen Kunden in Kontakt.“ 30 Kommentare bekommt sie täglich als Reaktion auf ihre Fashionposts, hinzu kommen Nachrichten. „Die Kom- munikation ist sehr persönlich. Ich würde deswegen auch gar nicht von Kunden oder Fans sprechen, sondern von Freunden unseres Unternehmens. Diese enge Kundenbindung ist auch nicht so leicht zu erschüttern.“ Melanie Teubner beschreibt damit einen Trend, der schon länger zu beobachten ist. Die Kun- den wünschen sich Nähe, enge Beziehungen und persönlichen Austausch, das reine Warenangebot reicht nicht mehr aus. „Ein Modehaus kann sich nicht mehr nur über die Ware abheben, sondern über die Menschen, die dahinterstehen.“ Bei ihren Posts ist Melanie Teubner eines ganz wichtig. „Es geht nicht darum, perfekt, sondern authentisch zu sein. Für meine Kunden bin ich mittlerweile wie eine Arte Stilikone geworden.“ Diese enge Nähe zu ihren Kunden ist nicht für jeden Händler etwas, das weiß Melanie Teubner. Aber sie ist ein Weg, der zwar Zeit, dafür aber weniger Geld kostet. Der Erfolg gibt der Unternehmerin Recht. Jeden Tag verkauft sie etwas an Kunden, die über ihre Social-Media-Accounts auf einen Mantel, einen Pullover oder eine Hose aufmerksam werden. „Einen Onlineshop haben wir noch nicht, wir nutzen Click and Collect.“ Natürlich reichen die Umsätze so nicht zum Überleben, aber es ist ein Weg, den Melanie Teubner weitergehen möchte – auch nach dem Lockdown. hw

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